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Lust am Austoben: Die Show der Flying Steps ist sympathisch, weil sie noch nicht kommerziell poliert ist.

Wie von Stromschlägen durchzuckt

München - Leidenschaft, Humor und viele Bauchmuskeln: Bei „Flying Bach“ trifft Breakdance auf Barockes

So was hat der hehre Münchner Musiktempel Herkulessaal sicher noch nicht erlebt: Sechs Turnschuh-Helden in stylischer grau-roter Freizeit-Kluft führen wie von Stromschlägen durchzuckt den „Electric-Boogie“ vor, zwirbeln für uns längst nicht mehr zählbare Drehungen auf dem Kopf („Headspin“ heißt das, lernen wir), auf der Schulter und einer (!) Hand. Und das – nix Kultur-Clash – wunderbar passend zu Bachs Musik.

Die Idee hatte Dirigent und Pianist Christoph Hagel. „Flying Steps“ nennen sich seit ihrer Gründung 1993 die vierfachen Breakdance-Weltmeister aus Berlin. Und mit „fliegenden Schritten“ ist jetzt ihre Show „Red Bull Flying Bach“, ein mit dem Großunternehmen Red Bull auf die Beine gestelltes Projekt, auf großer Tour: von Saarlouis und Aschaffenburg über Kopenhagen, Zürich, Wien bis nach Istanbul und Ankara.

Einfach ist es ganz und gar nicht, den aus der Straßenkultur entstandenen Breakdance ins Theater zu bringen. In den Kunstformen des Tanzes, ob Ballett, ob moderner oder zeitgenössischer Tanz, geht es ja nicht nur um solistische Virtuoso-Darbietungen. Es geht auch um choreographische Ensemble-Bewegung im Raum, um kleine oder große Geschichten. Und da hat Compagnie-Gründer und Choreograph Vartan Bassil sich einiges einfallen lassen.

Zwei Beine in Biegungen und Verhakelungen

Der Abend beginnt bescheiden mit kleinen Lehr-Szenen: Profi zeigt Breakdance-Aspirant, wie’s funktioniert mit der stufenartig durch den Körper ruckenden Bewegung. Und spielt damit gleichzeitig an auf die mit großem Engagement geführte „Flying Steps Dance Academy“ am Tempelhofer Ufer – die Heimat-Basis des B-Boy-Kollektivs. Zwei Mitglieder der aktuellen Tour-Crew sind aus dieser Schule hervorgangen. Noch mehr Humor kommt ins Spiel, wenn bei Schulter-Stand oder -Pirouette zwei Beine in Biegungen und Verhakelungen eine eigene Sprache finden. Und wenn die zierliche Yui Kawaguchi hereinweht, eine postmodern emanzipierte Barfuß-Geisha, wird sie von den B-Boys schüchtern-charmant umworben. Dass es in den Pas de deux klappt zwischen dem männlichen Breakdance und weiblichem balletthaftem Anmuts-Stil, ist zum großen Teil der technisch versierten und reaktionsschnellen Japanerin zu verdanken.

Zu Präludien und Fugen, mal live – meist mit Hagel am Klavier, aber auch mit Sabina Chukurova am Cembalo –, mal elektronisch verfremdet vom Band, steigert sich der Abend zusehends. Die Jungs, denen man bei den Gruppen-Arrangements noch die angespannte Konzentration auf ihre Raumposition und ihren Tanzeinsatz anmerkte, konnten sich in ihren Soli so richtig austoben: „Locking“, „Popping“, „House“, „Hip-Hop“, alles drin und dran. Und wenn bei der Einhand-Pirouette dann noch die Hand wie im Flug gewechselt wird und das schulterwärts gerutschte T-Shirt Wunder-Bauchmuskeln freigibt, ist das hoffentlich ein Ansporn ins Publikum hinein – für einen baldigen Fitness-Start. Eine sympathische, weil noch nicht kommerziell polierte Ausstrahlung, eine leidenschaftliche Lust an kraftvoller Bewegung und Geschicklichkeit – Qualitäten der Flying Steps, die Zukunft haben.

Vorstellungen

heute und morgen (ausverkauft, Karten eventuell an der Abendkasse).

Von Malve Gradinger

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