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Stromschnellen im Kopf

- Vinces Leben war ein langer, ruhiger Fluss mit gleichmäßig kräftiger Strömung in einem tiefen, geraden Bett. Bis der Londoner Banker ganz plötzlich seine Frau verlor. Vince ist der Held in Tim Parks' neuem Roman "Weißes Wasser", verwandt mit den Helden seiner anderen Bücher. Mit dem Journalisten, der in "Schicksal" seinen Sohn verloren hat und vom Temperament seiner italienischen Frau erdrückt wird. Und mit dem notorisch ehebrecherischen Richter, der in "Doppelleben" sich selbst den Prozess macht, weil es ja sonst keiner tut.

<P>Vince ist nämlich, wie die anderen, seinem Gedankenstrom ausgeliefert. Da strudeln Wahrnehmungen des Augenblicks mit Erinnerungen durcheinander, Spekulationen mit Beobachtungen, mit Spinnereien. Und es scheint, als habe sich Parks, der 50-jährige britische Autor, den Spaß erlaubt, seinen Erzählstil diesmal im Sujet widerzuspiegeln. Er schickt eine englische Kanuten-Gruppe auf ein einwöchiges Training in den Südtiroler Alpen: neun Jugendliche, fünf Erwachsene und Vince, der seine 14-jährige Tochter beim ersten Urlaub nach dem Tod seiner Frau begleitet. 15 Personen liefern sich dem Wildwasser aus, dem Sog der Strudel, der Tücke von Baumwurzeln und Felsen, der Lebensgefahr in Stromschnellen - und der Eigendynamik einer Gruppe. </P><P>Vince, seiner Gewissheiten durch den Todesfall beraubt, stürzt sich in ein ganz anderes Leben. Eines, das nicht nur die Kräfte des Geistes, sondern auch die des Körpers fordert. "Rapids", Stromschnellen, heißt dieses Buch im Original, und das wäre der bessere Titel auch im Deutschen gewesen für das Abenteuer der Kanuten und das Abenteuer in Vinces Kopf. </P><P>Parks ist ein glänzender, mitreißender Erzähler. Auch in seinem Duktus rauscht das Wildwasser, ruhig fließende Er-Erzählung geht plötzlich in die Wirbel des inneren Monologs über. Die rasche Rahmenerzählung in der Vergangenheit bricht ab, und das Präsens umspielt sanft einen scheinbar banalen Augenblick. Und weil in Vinces Hirn alles durcheinander gerät und Parks am liebsten die schlichte Reihung disparater Gedanken abbildet, entsteht dabei eine süffisante Komik. Etwa: "Mit den Lichtschranken der Toilettenspülung befinde ich mich mehr im Einklang als mit meiner Frau." Denn wieder einmal kann Vince nicht schlafen, denkt an die Verstorbene, die Rätsel, die sie ihm hinterlassen hat, und wie immer erschrickt Vince, wenn beim Gang zum Camping-Sanitärbereich dann die Lichter angehen. </P><P>Eine politische Geschichte</P><P>Nur eine weitere Figur rückt dem Leser zu Beginn des Buches ähnlich nahe. Michela, die italienische Freundin des Kajaktrainers Clive, wird von diesem verlassen. Und so befremdet sie auf einmal von der ganzen Unternehmung ist, so entfernt sie sich allmählich vom Leser, wird nur von Vince von weitem wahrgenommen. Und begehrt. Mit leichter Hand schreibt Parks zwischen den Zeilen dieser Ferien- und Selbstfindungsstory wie immer eine politische Geschichte. </P><P>Vince, der Bankdirektor, sieht sich mit den Globalisierungsgegnern Michela und Clive konfrontiert, die in ihrer Freizeit Demo-Hopping betreiben, um gegen die ungleiche Verteilung der Güter und den Lebenswandel der westlichen Welt zu protestieren. Vince redet sich da gar nicht heraus. Aber er denkt nach. Und begreift, dass in seinem turbulenten Urlaub die Chance für Veränderung und für eine neue Liebe liegt. </P><P>Tim Parks: "Weißes Wasser". <BR>Aus dem Englischen von Ulrike Becker. <BR>Verlag Antje Kunstmann, München, 270 Seiten; 19,90 Euro. </P><P>Der Autor liest am Donnerstag, 17. März 2005, um 20 Uhr im Literaturhaus. <BR><BR></P>

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