Strumpfhose mit Comfortgriffrand

- Rafa heißt eigentlich Rafaela. Per war Peter. Pascal taucht auch als Pablo oder Paul auf. Und die 26-jährige spanische Studentin Reginita wird Inita genannt: Niemand ist zufrieden mit dem, was er hat, oder damit, wie es aussieht. Vor allem nicht die drei Vierzigjährigen. Sie, die sich aus ihrer Jugendzeit kennen, sind jetzt voll etabliert. "Spaß ist ein Fetisch deiner Generation. Ihr wollt für nichts Verantwortung übernehmen. Euer einziges Lebensziel ist es, eure Lust zu bedienen und Unlust zu vermeiden. Das ist nicht das Leben, das ist infantil", analysiert die junge Frau deren Haltung.

Der in München wohnende Autor Thomas Lang (Jahrgang 1967) schildert in seinem Roman "Unter Paaren" nicht einfach so genannte Beziehungskisten, er nutzt sie vielmehr, um auf leicht satirische, komödiantische Weise gesellschaftspolitische Studien zu betreiben. Da ergibt sich zum Beispiel, dass "Paare" eher Singles sind, die gelegentlich einen Partner suchen. Pascal tut das konsequent, während Rafa und Per an einer beständigen Bindung basteln. Das ist nicht einfach, denn in ihren Kreisen herrscht die Ideologie des Individualismus und Egoismus. Aber es gibt eben auch den Wunsch nach Nähe, Geborgenheit und Liebe.

Lang erzählt das mit einem Gestus der Distanz, ohne offensichtlich zu moralisieren. Und er untergräbt sarkastisch seinen eigenen unantastbaren Beobachter-Status, indem er ihn durch einen dilettierenden Dokumentarfilmer parodiert. Wie schon in seinem Bachmann-Preis-gekrönten Buch "Am Seil" beweist der Autor, dass er Dialoge mit dramatischem Boulevard-Pfeffer schreiben kann (wie an Botho Strauß trainiert) und dass er Landschaft und Natur literarisch respektiert. Ob Feuerwanzen, ob dunkler Tann ­ sie sind die stillen, kraftvollen Antagonisten der Menschen. Von ihnen werden sie meist als Kulisse oder Nutzobjekte an den Rand gedrängt ­ zeigt der Schriftsteller. Und formt sie sogleich widerständig als autarke Phänomene aus, ohne in Naturschwärmerei zu verfallen.

Per, der eine Stunde von Köln entfernt aufs Land gezogen ist, sich ein altes Haus ausgebaut hat, verkörpert diese Zwiespältigkeit.

Genauso wie der allgemeine Design-Wahn. Nichts darf "irgendwie" sein. Alles braucht eine gestalterische Prägung, und zwar durch ein teures Markenzeichen. Lang hat sich dazu eine unterschwellige Ironie ausgesucht. Er spöttelt nicht offen, sondern nimmt die Produkt-Begeisterung (wie Loriot) einfach wörtlich. Prospekt-Deutsch und die Floskeln von "Interior"-Zeitschriften sind wie Intarsien in den Text eingelassen. So erfährt der Leser zum Beispiel, dass Inita "eine glänzende Strumpfhose mit breitem Comfortgriffrand und Bikinislip-Hosenteil" anzieht.

Styling gibt dem Leben Halt. Eine Illusion, wie Per erfahren muss. Der Roman "erwischt" ihn an einem schwachen Punkt. Das herrliche Sommerwochenende, an dem der Jugendfreund Pascal vorbeischauen will, ist von Anfang an gefährdet. Nicht nur dass Per arbeitslos ist, Rafa will nicht zu ihm ziehen und scheint sich über Gebühr für Pascal zu interessieren. Der ist mit dickerem Auto und junger Freundin obendrein beim Hahnenkampf im Vorteil. Das Spiel "Unter Paaren" kann beginnen.

Thomas Lang führt es elegant durch: spannend, aber nicht effektgeil. Verwundbarkeit und Untergang sind präsent, ohne dass er es zum Äußersten kommen lässt.

Thomas Lang: "Unter Paaren". \x0fC.\x0fH. \x0fBeck \x0fVerlag, München, 202 Seiten; 17,90 Euro.

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