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Faszination für Kinder bis heute: Der Struwwelpeter.

Struwwelpeters Vater

Vor 200 Jahren wurde der Arzt und Autor Heinrich Hoffmann geboren – über sein Kinderbuch wird bis heute gestritten

Er gilt als Mitbegründer der modernen Psychiatrie , die Errichtung der „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt am Main sah er selbst als sein eigentliches Lebenswerk. Der Allgemeinheit ist Heinrich Hoffmann jedoch vor allem als Autor des „Struwwelpeter“ bekannt. An diesem Samstag jährt sich sein Geburtstag zum 200. Mal.

„Der Schlingel hat sich die Welt erobert, ganz friedlich, ohne Blutvergießen, und die bösen Buben sind weiter auf der Welt herumgekommen als ich“, schrieb Hoffmann in seinen Erinnerungen über den „Struwwelpeter“. Wohl kein anderes Bilderbuch hat international solch große Resonanz erhalten: Die Geschichten vom Suppen-Kaspar oder dem Zappelphilipp wurden in 40 Sprachen übersetzt, zudem gibt es rund 50 Mundartversionen, die Geschichte von Paulinchen inspirierte sogar die deutsche Rock-Band Rammstein zum Song „Hilf mir“. Die phänomenale Wirkungsgeschichte des „Struwwelpeter“ beschäftigt Medizin- und Literaturhistoriker, Erziehungswissenschaftler, Psychoanalytiker – und sorgte für Kontroversen.

Zeitgenössische Darstellung des Arztes und Schriftstellers ("Struwwelpeter") Heinrich Hoffmann. Die Bildergeschichten mit den Versen waren eigentlich als Weihnachtsgeschenk für den dreijährigen Sohn gedacht. Schließlich veröffentlichte der Gelegenheitsschreiber Hoffmann den "Struwwelpeter" im Jahr 1845 unter dem recht drolligen Pseudonym Reimerich Kinderlieb in 1500 Exemplaren.

Die Direktorin des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, Marianne Leuzinger-Bohleber , forderte zuletzt, das Buch aus den Kinderzimmern zu verbannen: Vorschul- und Grundschulkinder verfügten nicht über die Fähigkeit, sich von den sarkastischen und ironischen Übertreibungen der Geschichten zu distanzieren, könnten verängstigt oder sogar traumatisiert werden. Hans-Heino Ewers, Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung der Frankfurter Goethe-Universität, lobte dagegen den Blick des Autors auf Kinder, der sich von der Verniedlichung der Kindheit in seiner Zeit deutlich abhob. „Für Hoffmann waren undisziplinierte, unbeherrschte, triebgesteuerte, kurz: unartige Kinder etwas völlig Normales“, erklärt er. Die „Struwwelpeter“-Geschichten wollten höchst elementare Verhaltensmaßregeln bieten, indem sie warnten und sehr drastisch abschreckten.

Der große Erfolg des Buchs verstellte bereits den Zeitgenossen den Blick auf den Arzt und Psychiater Hoffmann: Nach seinem Staatsexamen arbeitete er zunächst als Leichenbeschauer auf einem Frankfurter Friedhof. Weil das Geld knapp war, praktizierte der junge Arzt privat mit dem Schwerpunkt Geburtshilfe und behandelte darüber hinaus ein Jahrzehnt lang in der Armenklinik unentgeltlich sozial Schwache. 1844 wurde er zum Leiter der Senckenbergischen Anatomie ernannt. Dort führte er das Mikroskopieren ein und bereicherte die Sammlung um Hunderte Präparate. Im Jahr 1851 nahm Hoffmanns Karriere schließlich die entscheidende Wende: Er wurde Leiter der Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“. Der damals 42-Jährige hatte sich beworben, weil er neben der ärztlichen Herausforderung auch einen Ort suchte, um seinen humanitären Anspruch in die Tat umzusetzen.

Unter Fachleuten galten die Zustände in der Anstalt damals als menschenunwürdig. Es ging nicht um Behandlung, sondern allein um eine sichere Verwahrung der „Irren“. Bald stand für Hoffmann fest, dass Frankfurt eine neue Klinik brauchte – ein Ziel, das der Arzt erfolgreich verfolgte. In einem großzügigen Neubau erhielt jede der zwölf Krankenabteilungen einen eigenen Garten, in dem auch Arbeitstherapie möglich war.

Hoffmanns Konzept sah die „freie Behandlung“ mit möglichst wenigen Zwangsmitteln vor. Mit der Schaffung der Klinik legte er den Grundstein für eine qualifizierte, naturwissenschaftlich ausgerichtete Psychiatrie. Nach seiner Pensionierung schrieb Hoffmann seine Erinnerungen, die jedoch erst 1926 veröffentlicht wurden. Er starb am 20. September 1894 nach einem Schlaganfall.

Aller Debatten zum Trotz wird Hoffmanns bekanntestes Werk auch heute noch gelesen. Dabei war „Der Struwwelpeter“, der 1845 erstmals erschien, eigentlich eine Notlösung: Hoffmann suchte für Weihnachten 1844 ein Buch für seinen damals drei Jahre alten Sohn. Er fand nichts, was ihm geeignet erschien, kaufte sich ein Heft – und begann selbst, ein Buch zu schreiben und zu zeichnen.

Stephan Köhnlein

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