Die Studenten stark machen

München - Michael Ballhaus (1935 in Unterfranken geboren) gehört zu den wenigen international gefeierten Kameramännern. Er war für die Bilder großer Produktionen wie "Goodfellas", "Air Force One", "Gangs of New York" oder "Departed" verantwortlich. Beim Festival der Filmhochschulen, das diesen Samstag in München beginnt, ist er Präsident der Jury.

Kameramann Michael Ballhaus über seine Aufgabe als

Jury-Präsident, deutsches Kino und Arbeiten in Hollywood

Wenn Sie jetzt nach München kommen, ist das auch eine Rückkehr? Sie haben hier mit Rainer Werner Fassbinder gearbeitet. Das war Ihr Sprungbrett nach Hollywood.

Ja. Aber ich habe München immer sehr gern gehabt, weil es eine sehr südliche Stadt ist, und ich eine große Beziehung zum Süden habe. Außerdem bin ich schon seit vielen Jahren an der Hochschule für Fernsehen und Film als Honorarprofessor tätig.

Ist die Verantwortung der Jury bei einem Nachwuchs-Festival größer?

Das ist richtig. Wobei man die Verantwortung bei jedem Festival hat, weil ein Preis etwas Besonderes bedeutet. Ich habe auch schon erlebt, dass Regisseure sehr gekränkt waren, die einen Preis erhofft, aber nicht bekommen haben. Da man aber nie allein in einer Jury sitzt, ist das nie eine Einzelentscheidung, sondern wie jetzt die von fünf Leuten. Wenn man sich da einigt, repräsentiert das auch, was der Film mit dem Einzelnen gemacht hat.

Als ich beim Südwestfunk angefangen habe, blühte die Filmindustrie nicht so wie heute. Die Chancen sind jetzt größer geworden, weil es mehr Produktionen gibt.

Haben Sie in Hollywood das deutsche Kino verfolgt?

Man verliert das schon sehr stark aus den Augen, das muss ich leider zugeben.

Deutsche Filme werden etwa seit "Lola rennt" (1998) im Ausland bewusster wahrgenommen.

Dieser Film war in Amerika sehr erfolgreich, weil er eine internationale Sprache hat, weil sehr viel über die Bilder erzählt wird. Er lief in Amerika auch in der Provinz, was für deutsche Filme ungewöhnlich ist. Auch die Fassbinder-Filme wurden dort sehr genau beobachtet. Fassbinder war ein Star in Amerika und kriegte hinreißende Kritiken in der New York Times...

...nach dem Neuen Deutschen Film kam dann lange nichts.

Es war dann ein bisschen dünner, ja. Wim Wenders und Fassbinder wurden im Ausland am meisten beachtet. Aber das kommt jetzt wieder: Wie wir an "Das Leben der Anderen" gesehen haben, läuft der auch wegen des Oscars in Amerika sehr erfolgreich.

Warum?

Die Gründe sind stets dieselben: Es ist immer eine sehr gute, spannende Geschichte über die Entwicklung eines Charakters. Das sind Filme, die Menschen berühren, weil vielleicht jeder den Wunsch hat, sich zu verändern.

Erzählen deutsche Filmemacher heute anders?

Ja. Die junge Generation von Regisseuren erzählt ganz persönliche Geschichten. Das ist das Spannende an den Filmen, deshalb werden diese jetzt auch mehr und mehr vom Publikum angenommen, was ich wunderbar finde: Denken Sie an "Sommer vorm Balkon" oder "Requiem".

Können Sie diese Tendenz als Dozent bestärken?

Das kann man nur hoffen. Ich versuche immer, die Studenten stark zu machen, damit sie sich mit ihren Ideen durchsetzen. Vor allem finde ich es wichtig, dass sie Fehler machen dürfen. Ich habe am meisten immer von meinen Fehlern gelernt.

Mit "Departed" von Martin Scorsese haben Sie Ihre Hollywood-Karriere beendet. Wehmütig?

Eigentlich nicht. Es ist nicht leicht, sich von einer Tätigkeit zu verabschieden, die in den letzten 45 Jahren der Lebensinhalt war. Mein letzter Drehtag war schon sehr emotional. Ich gucke aber nicht wehmütig zurück, sondern kann sagen: Ja, das war eine tolle Zeit.

Wie kam es zu der Entscheidung?

Die hatte zwei Gründe. Einmal mein Alter. Die Arbeit in Amerika ist sehr anstrengend, wir haben bei "Departed" oft 18 Stunden am Tag gearbeitet. Das ist nicht leicht, und da fragt man sich manchmal: Musst Du das machen?, und man antwortet: Nee, eigentlich nicht. Ich muss nichts mehr beweisen. Ich habe genug gemacht. Und ich hatte mit meiner Frau beschlossen, dass wir noch ein bisschen Lebenszeit haben wollen - das hat dann leider nicht so geklappt (Ballhaus' Frau starb im September 2006, die Red.).

Sie leben in Berlin. Ist der Abschied von der Kameraarbeit endgültig?

Never say never.

Wie ist es, immer wieder über sich das Wort "Kameralegende" zu lesen?

Dann weiß man, dass man viel gearbeitet hat und ein alter Mann ist. Dazu stehe ich auch, ich fühle mich sehr gut mit meinen 72 Jahren. Die Erfahrungen, die man in seinem Leben gemacht hat, sind etwas sehr, sehr Schönes. Ich möchte nicht jünger sein als ich bin.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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