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Verzweifelte Liebe: Werther ( Pascal Riedel, li.) will zur angebeteten Lotte ( Mara Widmann), aber der Verlobte Albert (Sohel Altan G.) steht unüberwindbar dazwischen.

Premiere am Samstag

Kritik: Goethes "Werther" im Volkstheater

München - Goethes „Werther“ im Münchner Volkstheater ist wie Studie über das Phänomen der ersten Liebe. Hier finden Sie die Kritik.

Ach, die erste Liebe. Alles scheint sie zu sein: groß und tiefgründig, endgültig und ewig. Einen Orkan an Emotionen löst sie in jungen Menschen aus, der oft die Liebenden so sehr überfordert wie alle anderen. Noch etwas charakterisiert die erste Liebe: In der Retrospektive wird sie gerne lächerlich gemacht, dann sind den von ihr Kurierten die Liebesschwüre von einst oft ebenso unangenehm wie die Pirouetten, die sie für die Ewigkeiten zu drehen glaubten. Es ist Jan Gehler daher hoch anzurechnen, dass er jetzt im Münchner Volkstheater eine der berühmtesten unglücklichen Liebesbeziehungen der Weltliteratur, die des jungen Werthers zu seiner Lotte, wohltuend ernst nimmt.

Mit seinem 1774 erschienenen Briefroman befreite sich Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) einst aus eigenem Liebesstrudel: Hatte er sich doch in Wetzlar in Charlotte Buff verliebt – ohne zunächst von deren Verlobung mit Johann Christian Kestner zu wissen. Als die Spannungen zwischen den dreien unerträglich zu werden drohten, verließ Goethe Wetzlar vorzeitig – und schrieb sich mit seinem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ nicht nur den Frust von der Seele, sondern auch einen Bestseller, der seinen Ruhm als Autor begründete.

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Jan Gehler hat nun für seine gut neunzig Minuten kurze Theaterfassung des Romans, die am Samstag Premiere feierte, die Vorlage radikal skelettiert. Er hat Werther viel Persönliches ausgetrieben – etwa dessen anfängliche Begeisterung für Homer, später für die Gesänge Ossians, mit der Goethe Wichtiges über seine Figur verrät. Damit verschenkt Gehler zwar einiges, was bei der Lektüre der Briefe unmittelbar berührt und bewegt. Andererseits kann der Regisseur auf diese Weise Allgemeingültiges freilegen. Er gibt seinen fünf Schauspielern lediglich Eckpunkte der Vorlage als Blaupause. So entsteht eine zwar stimmige, doch eben auch erwartbare Studie über das Phänomen der ersten Liebe.

Bereits mit seiner Inszenierung von Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“, die am Staatsschauspiel Dresden uraufgeführt wurde und vergangenes Jahr am Volkstheater beim „Radikal jung“-Festival den Publikumspreis gewann, hat Gehler gezeigt, dass er den Tonfall der jungen Generation beherrscht und diesen ohne Glaubwürdigkeitsverlust auf eine Bühne bringen kann. Im Jahr 1983 geboren, ist er eben auch noch nahe genug dran an den Träumen, Hoffnungen, Sorgen und Nöten der Jugend.

Werther und sein Freund Wilhelm (der Empfänger der Briefe vereint hier in sich mehrere Figuren Goethes) sind bei Pascal Riedel und Justin Mühlenhardt zwei Burschen, die nicht wissen, wohin mit ihrer Energie. Erst als er Lotte trifft – Mara Widmann zeigt sie als nettes Mädchen von nebenan – hat Werther ein Ziel. Dem freilich steht Albert im Weg: Sohel Altan G. verzichtet glücklicherweise darauf, ihn als langweiligen Spießer zu interpretieren. Komplettiert von Lenja Schultzes Partymaus Sophie inszeniert Gehler eine Jugendclique zwischen Dosenbier und Elektrosound, zwischen Tanz und Sinnsuche, zwischen Liebe und Labern. Junge Leute eben – wie so viele andere. Und wie anderswo erscheint auch hier alles größer, wichtiger, bedeutsamer, als es ist. Doch warum sollte man sich deshalb umbringen?

Die Handlung

Werther, jung und noch ohne rechte Ahnung, was er mit seinem Leben anstellen soll, lernt zufällig Lotte kennen. Die beiden kommen einander näher. Dann erfährt Werther, dass Lotte so gut wie verlobt ist mit Albert, der verreist ist, um seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Werther verliebt sich dennoch in Lotte, deren Nähe er fortan zwanghaft sucht. Als Albert wieder bei seiner Verlobten ist, verlässt Werther das Paar. Doch er kann nicht ohne Lotte, kehrt zurück – und sieht schließlich den Suizid als einzigen Ausweg.

Die Besetzung

Regie: Jan Gehler

Bühne: Sabrina Rox

Kostüme: Katja Strohschneider

Darsteller: Pascal Riedel (Werther), Mara Widmann (Lotte), Sohel Altan G. (Albert), Lenja Schultze (Sophie), Justin Mühlenhardt (Wilhelm)

Nächste Vorstellungen

am 31. Januar sowie am 1., 6., 14. und 15. Februar; Karten unter Telefonnummer 089/523 46 55.

Von Michael Schleicher

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