Ein Stück Speck

- Eigentlich ist es unglaublich. Doch es muss als wahrhaftig akzeptiert werden: der Kindheitsbericht von Ruben Gonzalez Gallego "Weiß auf Schwarz". Es ist eines der ersten sechs Bücher, die jetzt im neu gegründeten SchirmerGraf Verlag erschienen sind.

<P>"Dies ist ein Buch über meine Kindheit", schreibt der Autor im Nachwort. "Eine grausame, schreckliche Kindheit. Um sich die Liebe zur Welt zu bewahren, um zu wachsen und erwachsen zu werden, braucht ein Kind nur sehr wenig: ein Stück Speck, eine Scheibe Brot, eine Handvoll Datteln, blauen Himmel und die Herzlichkeit eines menschlichen Wortes."</P><P>Trotzdem: eine Kindheit voller Schmerzen, körperlicher wie seelischer. Denn Gallego ist seit seiner Geburt 1968 schwerbehindert. Er kam mit einer Zerebralparese auf die Welt: gelähmte Beine, verkrüppelte Arme. Versteckt vor der Außenwelt. Von einem Krankenhaus ins andere, einem Kinderheim zum nächsten. Am Ende, das heißt, am Ende der Schulzeit, Aussicht aufs Altersheim, in das Kinder wie Ruben Gonzalez Gallego gebracht wurden, um sie dort langsam sterben zu lassen. Ein Schulleiter, der die Jungen immer wieder sitzenbleiben ließ, um sie so lange wie möglich vor diesem Schicksal zu bewahren, wurde abberufen.</P><P>In dem staatlich verordneten Klima der Lieblosigkeit merkte sich der Autor dankbar jedes Lächeln, jede angebotene Hilfe, jede individuelle Zuwendung. Erinnert er sich an die Güte mancher Pflegerin, genannt Njanja, an die Höflichkeit eines Lehrers, der sich dafür bei dem Jungen entschuldigte, dass er nicht dessen Muttersprache spreche, oder an die Hilfsbereitschaft eines Taxifahrers, der Ruben aus Zorn auf die Obrigkeit umsonst chauffierte. Und so ist das Buch letztlich das, was der Autor auch wollte: ein Buch "über das Gute, über den Sieg, über die Freude und die Liebe".</P><P>Die Waisenkind-Lüge</P><P>Das Land, in dem sich diese Kindheit abgespielt hat, war die Sowjetunion. Ein Staat, der Menschen nach Maß formte und jene vor der Gesellschaft wegsperrte, die per Geburt sich anmaßten, aus der Norm gefallen zu sein. Das Außergewöhnliche an diesem Bericht ist die Herkunft des Autors. Ein spanisches Kind, dessen Mutter, politisch privilegiert, sich zur Zeit der Geburt in Moskau aufhielt; dessen Großvater Generalsekretär der damals illegalen Kommunistischen Partei Spaniens war. </P><P>Zusammenhänge, die dem kleinen Ruben unbekannt waren. Im Alter von drei Jahren wurde er seiner Mutter weggenommen. Ihr sagte man, der Sohn sei gestorben. Ihn ließ man im Glauben, ein Waisenkind zu sein.<BR>Dies ist keine klassische Autobiografie, die Gallego geschrieben hat. Er erzählt vom Alltag in den Heimen. Von der Freudlosigkeit und von Freunden, vom Hunger und von den geheimen Genüssen, von der totalen Abhängigkeit und der eigenen Stärke, von der Sehnsucht nach dem Tod und dem Mut zum Leben. Und immer von der entsetzlichen Armut, die in den Heimen grassierte.</P><P>Das sind viele wunderbare kleine Geschichten, in denen er auch die Erwachsenen schildert: jene, die ihn schikanierten, und jene, an die er noch heute beglückt denkt. Somit entwickelt er ein Bild der späten Sowjetunion von einer Warte, aus der sie bislang wohl kaum betrachtet wurde.<BR><BR>Gallego schreibt das relativ unsentimental. Sein Stil ist gekennzeichnet durch eine erstaunliche Unbefangenheit und die Mischung aus Kindlichkeit und Genialität. Gerade sie spricht, vielleicht ein bisschen zu kalkuliert, das Gefühl des Lesers an. "Abends kommt eine Frau im Kleid zu mir . . . </P><P>Sie hat keinen Kittel an. Ich habe schon seit über einem Jahr keinen Menschen ohne Kittel gesehen." Die Lakonie des Leids ist es, die dieses Buch so lesenswert macht.<BR>Das Lebensabenteuer des an den Rollstuhl gefesselten Gallego ist noch längst nicht beendet. Seine Flucht, das Finden seiner Mutter, das Erlebnis der Freiheit wird er wohl auch noch literarisch verarbeiten müssen.</P><P>Ruben Gonzalez Gallego: "Weiß auf Schwarz - Ein Bericht". <BR>Aus dem Russischen von Lena Gorelik. <BR>Schirmer Graf Verlag, München<BR>216 Seiten; 17, 80 Euro.<BR><BR></P>

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