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Traumwandlerische Bilder mit Puppen (v.li.): Sibylle Canonica, Katrin Röver, Marie Seiser, Aurel Manthei, Wolfram Rupperti und August Zirner.

Bühnenfassung von „Stiller“

Stumme Seelen der Vergangenheit

Selten ist die Adaption eines Films oder Romans für die Bühne sinnvoll. Denn selten ermöglicht sie einen neuen Blick auf das Werk. Die Bühnenfassung von „Stiller“, die am Samstag im Münchner Cuvilliéstheater Premiere hatte, ist da eine Ausnahme.

Der zweieinhalbstündige Abend (eine Pause), der Schau- und Puppenspiel verschmilzt, erzählt Max Frischs Roman aus dem Jahr 1954 nochmals anders: hypnotisch, schwebend leicht – trotz des Graus, das optisch dominiert.

Die Inszenierung, bei der Tina Lanik die Schauspiel-Regie übernahm, ist die erste Produktion der 1981 in Kapstadt gegründeten und heute weltweit gefeierten Handspring Puppet Company für und mit einem deutschen Theater (wir berichteten). Das Leben Stillers, der vorgibt, James White zu sein, ein Abenteurer und Mörder, wird im Zusammenspiel von Darstellern und überlebensgroßen, grauen, stark stilisierten Puppen erzählt. Das Buch ist ein dankbarer, idealer Stoff für eine solche Dramatisierung: „Simultanität von gewesenen Leben und ersehnten Leben, Dialektik zwischen Tat und Traum, die zusammen erst die Realität eines Menschen ergeben, bestimmen die Komposition dieses Romans“, schrieb Max Frisch (1911-1991) einst über „Stiller“, der sein literarischer Durchbruch werden sollte.

Im Cuvilliéstheater sind es vor allem die Puppen, die von der Vergangenheit des Protagonisten (ob tatsächlich erlebt oder zurechtfantasiert) berichten, während August Zirner als Stiller zeitgleich in seiner kargen Zelle sitzt. Diese Parallelität von einst und jetzt lässt erahnen, wie dieser Mann zu dem wurde, der er ist. Stefan Hageneiers Bühnenbild unterstützt das durch eine so schlichte wie bestechende Idee: Der Raum verengt sich perspektivisch in die Tiefe und kann durch Trennwände unterteilt werden. In jedem Drittel funzelt traurig eine Glühbirne an der Decke. So werden die verschiedenen Ebenen der Geschichte räumlich unterschieden und dennoch verzahnt.

Dieses kluge Konzept gibt dem Abend Struktur. Die ist wichtig, denn die Schauspieler stehen hier vor einer schweren Aufgabe: Mervyn Millar, Basil Jones und Adrian Kohler von der Handspring Puppet Company arbeiten nicht mit professionellen Puppenspielern. Sie haben in Workshops die Darsteller des Residenztheaters mit ihrer Kunst vertraut gemacht, sodass diese nun die Puppen selbst führen, die an die schlanken Figuren des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti (1901-1966) erinnern. In der Regel braucht es drei Menschen, um einen stummen Kollegen lebendig werden zu lassen.

Das gelingt meist erstaunlich unaufgeregt. Mehr noch: Die Schauspieler scheinen die Puppen zu beseelen, ihnen Gefühle und Gedanken ihrer Figuren zu übertragen. Zwar litten unter dieser Herausforderung bei der Premiere manchmal Textverständlichkeit und Einsätze – doch das gibt sich mit etwas Routine. Viel wichtiger ist, dass auf der Bühne oft traumwandlerische Bilder entstehen.

Auf den Stoff, den Frisch lange kriminalistisch verhandelt (Ist White nun Stiller oder nicht?), wird hier sehr viel poetischer zugegriffen. Das gibt dem Abend seine Magie. Die Stiller-Puppe, die ständig mit August Zirner auf der Bühne ist, symbolisiert die Vergangenheit des Protagonisten, die um ihre Daseinsberechtigung kämpft: Schließlich kann sich dieser Mann vor dem eigenen Leben nicht verstecken – mag er seine todkranke Frau in der Klinik ebenso alleingelassen haben wie seine Geliebte bei der Abtreibung. Herzlicher Applaus für Menschen – und Puppen.

Michael Schleicher

Die Besetzung

Regie & Puppenregie: Tina Lanik, Mervyn Millar. Ausstattung: Stefan Hageneier. Künstlerische Leitung Handspring Puppet Company: Basil Jones, Adrian Kohler. Darsteller: August Zirner (Stiller), Sibylle Canonica (Julika), Oliver Nägele (Rolf), Barbara Melzl (Sibylle), Aurel Manthei (Zeughausbeamter), Marie Seiser (Stiller, Ballerina, Sibylle), Katrin Röver (Zahnarztgehilfin), Wolfram Rupperti (Zeughausbeamter, Zahnarzt, Direktor Schmitz), Thomas Gräßle (Bohnenblust), Robert Joseph Bartl (Knobel).

Die Handlung

Bei der Einreise von Mexiko in die Schweiz wird James White mit einem gefälschten US-Pass festgenommen. Die Behörden halten ihn für den vor 16 Jahren verschwundenen Schweizer Künstler Anatol Stiller. White leugnet das. Dem Gefängniswärter Knobel erzählt er von seinem abenteuerlichen Leben in der Fremde, auch vom Mord an seiner Frau. Die aus Paris angereiste Julika erkennt in White ebenfalls ihren Mann Stiller. Zwischen den beiden beginnt eine Affäre. Nach und nach wird klar, dass Stiller sich sein Leben als White zurechtfantasiert hat.

Nächste Vorstellungen

am 13., 18., 30. Juni; Telefon 089/ 2185-1940.

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