24 Stunden im Theaterleben

Guths Gärtnerplatz-Hommage: - Hommage an ein wunderbares Ensemble" - so umschreibt Claus Guth seine vorläufig letzte Arbeit am Münchner Gärtnerplatztheater: "In mir klingt ein Lied - Eine Topographie der Operette". Der Untertitel, so gesteht der Regisseur, soll "die Blumigkeit des Titels konterkarieren". So hat er in seiner durchaus Genuss und Amüsement bietenden Operetten-Collage, die am kommenden Samstag, 19 Uhr, Premiere hat, auch "ein paar sperrige Akzente" eingebaut.

"Für beides ist reichlich Platz in den 24 Stunden eines Theateralltages. Dabei führt ein Feuerwehrmann zunächst durch die surreale Nacht, dann in den Tag, der auf dem Theater Proben, Vorsingen und technische Manöver bedeutet. Der dritte Teil, der Abend, gehört natürlich der Aufführung, dem ganzen Zauber vor und hinter den Kulissen. Und mit der folgenden Nacht schließt sich der Kreis.

Dieses Gerüst bringt die Drehbühne des Gärtnerplatztheaters ordentlich in Schwung: "Das Bühnenbild von Christian Schmidt ist das aufwändigste, das das Haus je gesehen hat. Es ist das Theater selbst", freut sich Guth, der zusammen mit Schmidt und dem Dramaturgen Konrad Kuhn das ganze Projekt entworfen hat. "Ich möchte raus aus dem klassischen Reaktionsschema des Musiktheaters", bekennt der Regisseur, der gerne Autor ist. Deshalb durchforstet er Archive und versucht immer wieder ungewohnte Kombinationen wie in Basel, wo er Shakespeares "Sturm" mit Musik von Helmuth Oehring konfrontierte, oder im vergangenen Sommer in Salzburg, wo er Mozarts "Zaide" mit der Uraufführung von Chaya Chernowins "Adama" koppelte. "Mich interessieren Schnittstellen und was passiert, wenn die unterschiedlichen Werke aufeinander treffen."

"Ohne Muff und ohne Regieverkrampfung."

Claus Guth

Auch sein Operetten-Projekt am Gärtnerplatztheater soll - als Topographie - die verschiedenen Höhenlagen und Schichten des Genres und des Hauses offen legen. Natürlich mit reichlich Musik, genau 28 Nummern: von Strauß‘ "Fledermaus" bis zu Zellers "Vogelhändler" - Millöcker, Benatzky, Lehár und Kálmán fehlen nicht ­, vom Spoliansky-Schlager bis zum Gstanzl, von der unbekannten Suppé-Ouvertüre bis zum Song der Hardrock-Band Sunn. Nicht genug damit, die "relative Achterbahn", auf die Claus Guth sein Publikum setzt, kurvt auch durch die Historie des Hauses. Da erfährt der Gast, dass das Gärtnerplatztheater 1864 als bürgerliche Aktiengesellschaft gegründet wurde und dass die "ewige Definitionssuche" Münchens zweites Opernhaus seither verfolgt.

In der Nazizeit rief Adolf Hitler das Theater, das sich schon 1932 rühmte, Deutschlands "erstes judenreines Theater" zu sein, zur "Staatsoperette" aus. Er machte das Haus damit in Deutschland zur ersten Bühne dieses Genres. Das und auch die Tatsache, dass Hitler sich die Loge in den Zuschauerraum einbauen ließ und sich bis ins Detail in Inszenierungen einmischte, verschweigt Guth nicht. Ebenso wenig die jüngsten Schwierigkeiten, die die Verlage den Münchner Theaterleuten bei ihrem Projekt bereiteten. "Die Verwendung einzelner Titel wurde uns strikt verboten, da die Werke nur insgesamt szenisch aufgeführt werden dürfen." Guth ärgert sich über die Arroganz und das überzogene Selbstbewusstsein der Verlagsleute und kontert: "Als ob das Genre so ohne weiteres die nächsten 100 Jahre überlebte…" Er tritt die Flucht nach vorn an, lässt einige Verlagsbriefe zitieren, spielt "verbotene" Musik vom Band ein oder flieht ins Konzertante.

Dirigent Andreas Kowalewitz hat sich dafür mächtig ins Zeug gelegt. "Er hat einen frischen Zugriff, hat vieles selbst arrangiert und nächtelang vor Kassetten-Recorder und CD-Player gehockt, um Stücke hörend zu notieren, weil das Notenmaterial so schlecht war." Aus den ursprünglich geplanten 90 Minuten ist ein Zwei-Stunden-Programm (plus Pause) geworden. "Es ist ein Wahnsinnsmoment, wenn so ein Werk dann erstmals am Stück, als Durchlauf, über die Bühne geht." Autor Guth strahlt und scheint durchaus zufrieden.

Dass er als Regisseur bisher um die Operette "einen Bogen gemacht" hat, gibt er unumwunden zu. Obwohl Guth viele Operetten-Nummern liebt, schreckte er vor den "oft mühsam zu erzählenden Handlungen" zurück. Mittlerweile will er dem Genre forschend auf der Spur bleiben und liebäugelt bereits mit einem "Weißen Rössl" und einer "Fledermaus": "Ohne Muff und ohne Regieverkrampfung."

"In mir klingt ein Lied" - übrigens eine Chopin-Etüde mit Text von Ernst Marischka - ist nicht nur Guths Hommage ans Ensemble, das Projekt resümiert gleichzeitig die Arbeit des scheidenden Intendanten Klaus Schultz. "Er hat mir vor Jahren in Mannheim mutig meine ersten Schritte ermöglicht. Hier am Gärtnerplatztheater habe ich während seiner Intendanz sechs Inszenierungen herausgebracht. "

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