Sturz aus dem Luftschloss

- Er ist als Büste von Anfang an da - Kopf, Schultern. Dieses Denkmal kommt aus dem Untergrund, verharrt reglos, während holterdipolter, klamaukig der alte Brovik samt Zeichentischplatte zusammenbricht. Man spricht über den "Herrscher". Die Jungen, Broviks Sohn Ragnar und seine Verlobte Kaja, sind (noch) an die Wand gedrückt. Der ehemalige Lehrmeister Brovik, längst schon erledigt, wird bald sterben: Die "Statue" fährt als Ganzfigur aus dem Schlund empor.

Henrik Ibsens "Baumeister Solness", 1892 entstanden, hatte am Freitagabend am Münchner Residenztheater in der Inszenierung von Tina Lanik Premiere. Im Verlauf des auf knapp zwei Stunden klug gestrichenen Stücks findet sie immer wieder beeindruckende Bilder für Seelenzustände und Seelenkonstellationen der Figuren.

Genau hingehorcht hat sie auf den Text des Norwegers und die verschiedenen Ebenen freigelegt. Lanik verlässt sich nicht auf eine psychologische Deutung in Gedenken an Papa Freud, sie wagt sich unmittelbar an Ibsens Symbolismus, seine Neigung zu Märchen und Sagen, zu Philosophie und Religion. Diese Genauigkeit ergibt keine fade "Solness"-Checkliste, sie ermöglicht vielmehr beste Sicht auf ein merkwürdig schillerndes Drama ohne jeglichen nebelverhangenen Fjord-Naturalismus.

Unterstützt wird die Regie dabei von den Schauspielern, aber auch durch das fabelhafte Bühnenbild von Magdalena Gut. Die Architektur aus dem Geiste des Bauhauses signalisiert: Man steht am Beginn der Moderne. Ein Paar Barcelona-Stühle von Ludwig Mies van der Rohe, heute Design-Ikonen, ansonsten Stereometrie pur. Irritationslose Klarheit einer schönen neuen Welt, wären da nicht die alte Stehlampe, spiegelnde Bodenleisten und kleine Beete.

Des Baumeisters Handwerker-Materialismus kreuzt sich mit Seelenräumen. Im Verlauf der Geschichte werden sich Wände verschieben oder wegklappen: Solness und die Seinen existieren in dem Luftschloss, das er eigentlich erst jetzt am Ende seines Lebens für die frische Liebe Hilde bauen wollte. Er muss sterben, weil er nicht begriffen hat, dass er durch all seine Taten bereits ein finsteres Luftschloss errichtet hat; das müsste er einreißen, um Leben zuzulassen. So reißt er es mit seinem Sturz nur für sich selbst ein; die Seinen müssen weitermachen. Deswegen raucht Hilde am Schluss neben der Leiche eine Zigarette, und Ragnar ordnet die Pläne zu neuer Arbeit.

Systematisch ver-rückt Tina Lanik "Baumeister Solness", bis ein Surrealismus à` la Magritte entsteht; hyperrealistisch mit Löchern und Fenstern in andere Realitäten. So entweicht zum Beispiel eine Zimmerecke, und zu sehen ist nicht nur Aline Solness' alte Kommode, sondern auch ein buntes Blumenbeet. So klettert Solness mit dem Richtkranz nicht wie bei Ibsen auf den Turm seines neuen Hauses, er "fliegt" stattdessen seinem Spiegelbild in einer Hochhaus-Glasfassade entgegen.

Durch solche Zweit- und Dritt-Wirklichkeiten kann die Inszenierung zwanglos unser Heute, etwa durch die Kostüme von Su Sigmund, hereinnehmen. Und wie Magritte spart auch Lanik nicht mit Humor. Ob mit boulevardesker Bodenturn-Erotik, ob mit Pointen-funkelndem Lustspiel-Schlagabtausch (unnachahmlich Cornelia Froboess und Lambert Hamel in ihren Florett-Dialogen), immer wird die symbolistische Schwüle weg-gelüftet.

Das schaffen ebenfalls die Schauspieler. Fred Stillkrauth als unsentimentaler Brovik, Gerd Anthoff als grantiger Arzt, Beatrix Doderer als doofe Solness-Anbeterin und Jan-Peter Kampwirth als gelassener Ragnar. Er muss nur warten, bis Hilde Wangel den alten Solness zu Fall bringt. Marina Galic ist mit ihrer leicht rauchigen Stimme, mädchenhaften Drahtigkeit und ihrem sphinxhaften Sex-Appeal die Idealbesetzung. Sie umtanzt Solness als fantasievolles Kind und menschenverachtender Troll; sie ist das anständige Fräulein und der verrückte Todesengel.

Wunder einer alltäglichen Figur

Galic "tändelt" all das wie ungewollt hin, lebt ganz die Absichtslosigkeit der Hilde: Einmal umschlingen sich der Alte und seine Prinzessin im Liebes-Tollen, bis sie seinen Kopf unter dem Arm trägt: wie Judith den von Holofernes, wie Salome den von Johannes (auch so ein Symbolismus-Bild).

Schwerer als diese jugendliche Femme fatale hat es Aline, Solness' Frau. Cornelia Froboess erlöst sie von der verstaubten Damenhaftigkeit des 19. Jahrhunderts. Sie zeigt gewissermaßen stereo das Kind Aline, wie Hilde eingesponnen in seine eigene Welt; die kluge, alles sehende und übersehende Ehepartnerin, die obendrein ehrlich Halvard Solness liebt; die Mutter, der die Kleinen fast noch im Kindbett gestorben sind. Und wie Froboess ihrem protestantischen Pflicht- und Schuld-Menschen Aline Fluchtwege, Freiheitsahnungen, Leichtigkeit im Niedergedrücktsein erspielt, ist schier unglaublich.

Den Wundern einer alltäglichen Figur spürt auch Lambert Hamel in seiner Charakterstudie des Baumeisters Solness nach. Hier wird kein exaltierter Künstler, kein wahngepeitschter Ausnahmemensch vorgeführt. Der Schauspieler entwickelt aus dem harten, unangekränkelten Geschäftsmann, den Solness vor seinen Angestellten gibt, einen Mann, der sich sein Leben lang unsicher war. In der Arbeit, in der Familie, in der Liebe, in der Religion. Schatten und Schattierungen von Furcht bis Psychose, von einschmeichelnder Manipulation bis zu kaltblütigem Terror, von solider Zuwendung bis zu echtem Architekten-Ethos laufen über und durch Hamels Wesen und Gestalt.

Hamel balanciert ganz oben. Anders als Solness braucht er keinen Halt - so sehr beherrscht er die feinsten Schwebstoffe seiner Figur. Auf diese Weise vermag er, diesen alternden Baumeister, der Angst vor der Jugend hat und sich doch in ihre Hände begibt, in totaler Freiheit zu belassen. Jeden Zugriff eines Denk- oder Urteilschemas wehrt er ab. Grandios.

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