Sturz ins Provinzielle

München - Am besten, man führt sich noch einmal kurz vor Augen, was bei "Nabucco" Anno 1842 wirklich alles zusammenkam: der unglaubliche Triumph für einen 28-jährigen Komponisten; die darauf folgenden 120 Vorstellungen allein an der Scala; die hart montierten Szenen verbunden mit einer aufregend knappen, schroffen, oft fiebrigen Klangsprache; die politische Wirkung durch den Gefangenenchor - kurz: "Nabucco" hatte die kritische Masse weit überschritten, Giuseppe Verdis Hit entfaltete Sprengkraft.

Vor diesem Hintergrund ist der Bayerischen Staatsoper schon ein kleines, wiewohl blaues Wunder gelungen. Denn der Besucher, der die aktuelle Premiere verlässt, hat anderes erlebt: offenbar die Schöpfung eines Mümmelgreises, kraft- und bedeutungslos, überzogen von Mehltau, unverständlich in seiner Handlungsführung, vor allem eine Oper, die - bis auf die Fenena-Partie - irgendwie unsingbar scheint.

Alle diejenigen also, die in den letzten Jahren lästerten über die Münchner Regie-Ambitionen von verdienten Bühnenbildnern oder munteren Filmemacherinnen, müssen dringend Abbitte tun. Denn "Inszenierung", das wäre schon ein großes Wort für das, was Regisseur und Ausstatter Yannis Kokkos in sechs (!) Wochen hier geklöppelt hat: ein müdes, steifes, belangloses Arrangement in halbwegs schick-abstrakter Kulisse, das dem Haus den Rücksturz ins Provinzielle beschert. Nur gelegentliche Kulissen- und Treppenschiebereien samt auf- und abfahrender Podien bieten Bewegung, auch ungewollte Komik, ansonsten wird Sänger-Mikado gespielt: Wer sich zuerst rührt, hat verloren.

Einigermaßen erträglich wäre dies, überstrahlten die Solisten solch Arbeitsverweigerung. Doch auch hier bietet das Haus allerhöchstens B-Klasse.

An Paolo Gavanelli in der Titelrolle können sich die Geister leicht scheiden. Immerhin ist Münchens Haus-Bariton zur Gestaltung und zum Aufspüren von Nuancen fest entschlossen. In seiner großen Arie gelangen folglich auch schöne, leise Momente und Mezzavoce-Strecken. Doch bleibt fraglich, ob der Figur des Babylonier-Königs mit solch säuselndem, manchmal belegtem Leidenston, der nur fehlende Wucht kaschiert, wirklich beizukommen ist. Maria Guleghina (Abigaille) geht da schon in die Offensive, schmerzhaft nachjustierte Spitzentöne oder bröckelnde Piani inklusive. Darstellerisch ist sie gewiss die passende Domina, vokal freilich ein Kompromiss. Ebenso wie der zentrale, hier doch blässliche Zaccaria des Giacomo Prestia. Das Timbre wäre ein Ohrenschmaus, doch fehlt seinem gern leiernden Bass die nötige Spannkraft. Und dass er während des "Va pensiero" zunächst vor dem obligatorischen Stacheldrahtzaun auftauchen muss, um dann für die Cabaletta flugs nach hinten zu wechseln, hätte man keinem Regie-Studenten durchgehen lassen: Wer ist hier eigentlich mit wem eingesperrt?

Aleksandrs Antonenko, Salzburgs künftiger Otello, braucht offenbar größere Kaliber zur Entfaltung als den Ismaele.

Für Verdi-Glück garantierten also allein die hauseigenen Kräfte: Daniela Sindram (Fenena) mit ihrer leuchtenden Mezzo-Entfaltung und ein Staatsopernchor in Ausnahmeform, dem von der wilden Attacke über den plastischen Text-Transport bis zum entspannt und auf großer Linie gestaltetem "Va pensiero" alles gelang.

Sehr diskussionswürdig ist die Verdi-Deutung von Paolo Carignani. Dem Frankfurter GMD lag wenig am Klischee des staubtrockenen, hart akzentuierten Frühwerks. Carignani interessierte sich mit dem willig folgenden Staatsorchester vielmehr für die dunklen Grundierungen, für das geschmeidige Melos, schien manchmal aus der Perspektive von Verdis folgenden Stücken und Klangerfindungen auf den "Nabucco" zu blicken. Nicht immer gelang das spannungsvoll, vor allem nach der Pause hing manches müde durch. Doch wer zwei Stunden lang auf diese Bühne blicken muss, dem versiegt schon mal der Energiefluss. Am Ende raffte sich auch das Publikum zu nur mattem Applaus auf, Guleghina und Kokkos kassierten Buhs. Eine Aufführung, die schon mit der Premiere ihr Verfallsdatum überschritten hat - und die das Haus nur noch tiefer in die Krise treibt.

Weitere Vorstellungen am 31.1., 3., 6. und 9. 2., Tel. 089/ 2185-1920

Besetzung

Dirigent: Paolo Carignani. Regie und Ausstattung: Yannis Kokkos. Chöre: Andrés Máspero. Darsteller: Paolo Gavanelli (Nabucco), Aleksandrs Antonenko (Ismaele), Giacomo Prestia (Zaccaria), Maria Guleghina (Abigaille), Daniela Sindram (Fenena), Andreas Kohn (Sacerdote), Kevin Conners (Abdallo), Lana Kos (Anna).

Die Handlung

Die Hebräer werden vom babylonischen König Nabucco bedroht. Seine Tochter Fenena liebt Ismaele, den Neffen Nabuccos, und wird als Geisel bei den Hebräern festgehalten. Nabucco dringt mit seiner älteren Tochter Abigaille und Kriegern in den hebräischen Tempel ein, Ismaele gilt als Verräter. Abigaille erfährt, dass sie Tochter einer Sklavin ist. Als Nabucco als Gott verehrt werden will, wird er wahnsinnig. Abigaille krönt sich selbst und nimmt ihren Vater gefangen. Fenena und die Hebräer sollen hingerichtet werden. Nabucco bekennt sich zu ihrem Gott, wird gesund und gibt ihnen die Freiheit. Sterbend bittet Abigaille Jehova um Vergebung.

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