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In einer der genialisch verwahrlosten Welten von Ausstatterin Anna Viebrock macht sich German (Erin Caves) an Lisa (Rebecca von Lipinski) heran. 

„Pique Dame“ an der Oper Stuttgart

Stuttgarts „East Side Story“

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Jossi Wieler und Sergio Morabito inszenierten Tschaikowskys „Pique Dame“ an der Oper Stuttgart. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Stuttgart – Zwei, drei Querstraßen machen es manchmal aus. Weg von der Touristenmeile Newski Prospekt, vom Protz der Barockfassaden und güldenen Kuppeln. Hin zu den Kehrseitenvierteln, die dann Apraksin Dvor oder Slavy Prospekt heißen, wo sich solche Szenen abspielen könnten. Nur eben ohne Tschaikowskys Musik, ohne jene Raffinesse, die selbst Todunglückliches auf alles erträglich machendem Klangpolster bettet. Möglich, dass gerade deshalb „Pique Dame“ gerade Konjunktur hat: Weil sich alle Welt Aufklärung verspricht über das wahre Russland und seine Sozialhistorie, für das hier St. Petersburg als Stellvertreterort steht.

Genialisch verwahrloste Welten von Ausstatterin Anna Viebrock

Weit spannt sich dabei der Bogen. Von Stefan Herheims Amsterdamer Psychostudie vor genau einem Jahr, die alles als Imagination des schwulen Außenseiterkomponisten begrifft. Bis nun zur Milieustudie, für die sich das Regie-Duo Jossi Wieler und Sergio Morabito an der Stuttgarter Oper entschieden hat. German, der Glücksspielkranke, der sich nur an Lisa heranmacht, weil er von ihrer gespenstischen gräflichen Großmutter das Geheimnis der alles gewinnenden Karten erfahren möchte, all das wird hier in eine der typischen, genialisch verwahrlosten Welten von Ausstatterin Anna Viebrock verbannt. Fassadenrückseite, heruntergekommenes Kino, Hinterhof, alles ist diese Bühne zugleich. Und immer wieder fährt ein seltsamer Kasten herein, ein mobiler Barockfahrstuhl oder was auch immer. Ein Todessymbol, dem manchmal die Gräfin entsteigt und in dem später German herausgeschoben wird.

Das Surreale, Jenseitige mischt sich in die genau beobachtete Realität – so, wie es eben Tschaikowsky und Vorlagedichter Puschkin schon hielten. Zugleich lassen Wieler/ Morabito im Vergleich zum Original das Personal um einige Ebenen abstürzen. Nicht Angehörige der etablierten Gesellschaft: Halbstarke, (zu) große Kinder kommen hier zusammen, die Liebe und Zärtlichkeit nie erfahren haben oder sie als Zeichen von Schwäche begreifen. Als German seiner Lisa in inniger Zweisamkeit begegnet, zückt er das Messer, fährt mit der Klinge Hals und Busen entlang, liebkost erst mit dem Metall, dann mit dem Mund – zu anderem ist dieser verpeilte Twen noch nicht in der Lage.

Sängerisch ist noch Luft nach oben

Typisch Wieler/ Morabito, wie brennend genau und klug beobachtet das auf die Bühne gebracht wird. Bis hin zum „Gala-Ball“, für den hier alle aus Papiertüten Kostüme basteln, um dann abzutanzen. Peinlich? Nur satte Westler kommen zu solcher Einschätzung. Diese Petersburger Gang hat weit entfernte Verwandte: im Romeo-und-Julia-Personal von Leonard Bernsteins berühmtestem Opus. Es ist Tschaikowskys „East Side Story“, die in Stuttgart aufgerollt wird, manchmal auch zu selbstverliebt in ihren Milieudetails. Ob Chorist oder Protagonist: Darstellerisch wird alles dennoch bis in die kleinste Körperdrehung beglaubigt. Sängerisch dagegen ist Luft nach oben – oder eben gerade nicht. Erin Caves (German) und Rebecca von Lipinski (Lisa) bringen zwar passende, robust-herbe Stimmen mit, sind aber in heiklen Momenten mit Bewältigung beschäftigt.

Von Sylvain Cambreling hätte man sich mehr Prägnanz gewünscht. Dem Chefdirigenten ist erkennbar nicht an der süffigen Tschaikowsky-Sause gelegen, es gibt vom Staatsorchester schön herausmodellierte Verläufe. Und doch steht dieses weiche, zu wenig zugespitzte Klangbild in eigentümlichem Gegensatz zur Filigrananalyse auf der Bühne. Über allem steht ohnehin Helene Schneiderman, die singdarstellende Operninstitution am Neckar. Keine irrsinnig geisternde Gräfin gibt sie, sondern eine aus Zeit und Welt gefallene, wunderliche Dame. Wie Wagners Holländer hängt sie der erlösenden Liebe nach. Ausgerechnet mit German passiert’s. Eng umschlungen liegen beide am Boden, bevor die Gräfin diese Welt verlässt – der kleine Tod ist da zum großen geworden.

Weitere Vorstellungen

am 24. und 27. Juni sowie am 1., 6. und 24. Juli; Telefon 0711/ 20 20 90.

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