Die Suche ist beendet

- Die Augen blitzen listig über die Nickelbrille, dazu das amüsierte Mienenspiel: Detlev Glanert sieht nicht so aus wie ein an sich und seiner Kunst leidender Komponist. Vielleicht hat der 42-Jährige auch deshalb Christian Dietrich Grabbes bizarre Komödie "Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung" vertont. 2001 war die erfolgreiche Uraufführung in Halle, jetzt wird die Oper als Produktion der Theaterakademie im Münchner Prinzregententheater gezeigt. Premiere ist heute, Christoph Poppen dirigiert das Münchener Kammerorchester, Reto Nickler inszeniert.

<P>Betreuen Sie Wiederaufführungen Ihrer Werke regelmäßig?<BR><BR>Glanert: Betreuen wäre zu viel gesagt. Bei neueren Stücken bin ich oft dabei, weil ich wissen will, unter welchen Konditionen das Kind lebensfähig ist. Es ergeben sich jedes Mal kleine Änderungen, das alles behalte ich ganz gern in der Hand. Außerdem liebe ich es, auf Proben zu sitzen, weil mich Hervorbringung eines Kunstwerks interessiert.<BR><BR>Ab wann dürfen Ihre Kinder normalerweise auf eigenen Beinen stehen?<BR><BR>Glanert: Das kommt auf das Alter an (lacht). Ich bin jedes Mal unsicher, wie das Stück ankommen wird. Es gibt ja immer wieder andere Lesarten, in denen sich das Werk behaupten muss.<BR><BR>Und wie schwer haben es Regisseure mit Ihnen?<BR><BR>Glanert: Sie haben's leicht. Ich kenne Kollegen, die sich bei jeder Änderung sperren. Ich brauche die Auseinandersetzung und will wissen, wie der Denkansatz des Regisseurs aussieht. Aber das Bild, die Szene bleibt seine Domäne. Ich habe bei der Komposition natürlich schon etwas im Kopf, doch das ist in der Realität meist nicht herstellbar.<BR><BR>Warum entstehen eigentlich kaum komische Opern?<BR><BR>Glanert: Weiß ich auch nicht. Mich hat diese Tatsache gereizt. Ich mache gern das, was andere nicht ausprobieren. Ich wollte auch etwas mit Geschwindigkeit, mit Witz und Karikatur schaffen. Das Grabbe-Stück bot sich da an. Ich hatte das jahrelang im Visier, bin drum herum geschlichen - bis der Auftrag aus Halle kam.<BR><BR>Sie fühlen sich humorverwandt mit Grabbe?<BR><BR>Glanert: Ja, was die Tatsache betrifft, wie sich hier Verrücktheiten Raum verschaffen. Grabbe ist nicht grundlos von den Dadaisten wiederentdeckt worden. Und diesen dadaistischen Ansatz finde ich so irrsinnig an dem Stück.<BR><BR>Mancher Kollege dürfte ihnen mit Misstrauen begegnen: Sie komponieren - bei Avantgardisten so verpönte - Literaturopern.<BR><BR>Glanert: Da muss ich relativ arrogant antworten, auch wenn's nicht so gemeint ist: Das interessiert mich nicht. Mir hat mal ein Intendant gesagt: Schauen Sie sich um, jede erfolgreiche moderne Oper ist eine Literaturoper. Da war ich verdutzt, bin das im Geiste durchgegangen, von Bergs "Wozzeck" bis Reimanns "Lear": Es stimmt.<BR><BR>Sie haben 1988 die erste Münchener Biennale mit ihrer Oper "Leyla und Medjnun" eröffnet. Mittlerweile scheint sich die Biennale fast krampfhaft von traditionellen Handlungsstrukturen abwenden zu wollen . . .<BR><BR>Glanert: Ich finde, dass grundsätzlich alles gestattet ist. Doch wenn Verbote und Verdikte ausgesprochen werden, wenn sich beim kreativen Akt der Gedanke einschleicht "Das darf man nicht", dann ist Hopfen und Malz verloren. Und künstlerisch wird dabei nichts Dauerhaftes herauskommen. Ich glaube allerdings auch nicht, dass dies bei vielen passiert. Bei den meisten jüngeren Kollegen sind die Arbeiten ganz ehrlich und aufrichtig als Experiment gemeint. Als Suche. Wobei ich für mich sagen muss: Die Suche ist beendet. Ich habe das Mittel, das mir gemäß ist, gefunden. Das hat sehr viel mit alter Mechanik zu tun, die mich interessiert, weil sie funktioniert.<BR><BR>Es gibt demnach unabänderliche Bausteine, und nur mit denen funktioniert Musiktheater?<BR><BR>Glanert: Ja. Zum Beispiel hat der Mensch seine Augen vorn, das ist ein Faktum. Deshalb liebe ich die traditionelle Bühne, weil sie gerichtet und damit auf einen Punkt konzentriert ist. Das ist doch das Modernste und Prägnanteste, was es gibt.<BR><BR>Sie sind also ein visueller Mensch.<BR><BR>Glanert: Komplett. Theater ist das, was ich zuerst kennen gelernt habe. Meine Musik entsteht immer mittels optischer Eindrücke. Nicht durch reale, aber durch Atmosphäre, Zustände, Szenerien. Absolute Musik gibt es in meiner Vorstellungskraft nicht. Sie ist angereichert mit vielen, vielen Assoziationen.</P><P><BR> </P>

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