Suche nach einer neuen Heimat

München - Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend von Ministerpräsident Günther Beckstein die Filmpreise des Freistaats Bayern vergeben.

Die Heimat ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Diese Erfahrung, die in der Welt der globalisierten Marktverhältnisse und der sekundenschnellen Medienvernetzung ein jeder macht, spiegeln die Filme, die beim diesjährigen Filmpreis triumphierten, perfekt. Da wird die Odyssee eines bayerischen Beamten in die Welt des japanischen Zen-Buddhismus zum Thema. Oder die Reise eines Deutschtürken und einer Bremer Mutter nach Istanbul beziehungsweise Anatolien. Oder der Weg eines Berliner Zivildienstleistenden in die dunkelsten Abgründe deutscher Vergangenheit. Oder die sexuellen Obsessionen eines israelischen Mädchens.

Die Zeiten, in denen einst das "Schwarzwaldmädel" über sattgrüne Wiesen und die deutsche Kinoleinwand hüpfte und man per "Heimatfilm" in eine bessere, harmonische und ungeschichtliche Welt entfliehen wollte, sind endgültig vorbei. Die Gegenwart lässt sich nicht mehr aus dem Kino verdrängen: Die neuen Heimaten liegen heute beim Fujijama nahe Tokio, in einer deutschen Buchhandlung in Istanbul oder in Auschwitz.

Insofern ist denjenigen, die in der Staatskanzlei über die Bayerischen Filmpreise entscheiden, eine gute, weil sehr repräsentative Mischung gelungen: Doris Dörries "Kirschblüten Hanami", der bald im Berlinale-Wettbewerb Premiere feiert, ist ihr bester Film seit Jahren. Aber gewiss auch ein Film, der kein cineastisches Neuland betritt, sondern niveauvolle, gehobene Unterhaltung mit tieferer Bedeutung und existentiellen Fragen verbindet. Für die Filmkunst der Zukunft steht Fatih Akins "Auf der anderen Seite", ein komplex verschachteltes, elliptisch erzähltes Drama. Und Robert Thalheim ("Am Ende kommen Touristen") steht für den Nachwuchs der 30-Jährigen, der fast ausschließlich in Berlin lebt, dortige Filmhochschulen besucht und im Zweifel anspruchsvolle Kunst dem Massenbeifall vorzieht. Die Industrie bedient sich eher aus den süddeutschen Hochschulen Münchens und Ludwigsburg.

Kurios: Die Filme Akins und Thalheims hatten hinter den Kulissen mit immensen Produktionsproblemen zu kämpfen und sehen im Ergebnis ganz anders aus, als ursprünglich geplant. Not, Druck und innere Stärke, Willenskraft und Konsequenz der Macher können der Kunst also unter Umständen mehr nutzen als die millionenschweren neuen Fördertöpfe des Bundes, die vor allem Großprojekten zugute kommen und statt deutsches Geld nach Amerika nun US-Einfluss und Heuschrecken nach Deutschland bringen. Die Münchner Kinowelt ist verkauft, die Constantin wird wohl die nächste sein - das ist auch in Bayern die globalisierte Realität hinter den schönen Worten vom weißblauen Filmstandort. Wo bleibt das Bayerische im Bayerischen Filmpreis? Am ehesten in Elmar Wepper, der einen sensationellen Auftritt als Witwer hat, der seine Trauer verarbeitet, indem er mit androgyner Bhuto-Schminke im Kimono an einem japanischen Seeufer tanzt. Die meisten Preisträger aber sind Künstler, die nicht in Bayern leben. Solange die bayerische Filmförderung einseitig auf Kommerz setzt und nicht auch Geld für die Filmkunst ausgibt, wird sich an der Diagnose nichts ändern: Die Heimat auch des bayerischen Films liegt zurzeit in Berlin.

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