Suche nach Sehnsucht

- Ein Panoptikum aus Fleisch und Blut. Das ist Ödön von Horvá´ths Volksstück "Kasimir und Karoline", 1931 in Murnau geschrieben. Ein Stück, das auf dem Münchner Oktoberfest spielt. Eine vom Dichter musikalisch durchgeformte Ballade in mehr als hundert Kurz-Szenen. Fünf junge Menschen, die für ein paar Stunden der realen Welt kleinbürgerlicher Enge und deprimierender Arbeitslosigkeit zu entfliehen versuchen - zu Achterbahn, Bierzelt und Musik. An jenen Platz, an dem die Illusionen blüh'n. In die Kulisse, die vorübergehend alle Menschen gleich macht.

<P>Vielleicht hat's dieses Stück mit seinem Lokalkolorit, mit seiner bayerisch geerdeten Kunstsprache in München extra schwer. Die großen Häuser wie Residenztheater und Kammerspiele schrecken aus Angst, daran zu scheitern, seit Jahrzehnten davor zurück. Das kleine Volkstheater indes wagte sich innerhalb der letzten Jahre jetzt bereits ein zweites Mal daran. Und das ist auch richtig so, wenn's auch wieder nicht richtig geglückt ist: "Kasimir und Karoline" gehört ins Repertoire. Das Stück ist so extrem gut, von so packender Wahrhaftigkeit und verzweifeltem Witz und darüber hinaus von einer solchen Aktualität, dass die Leistung der Regie hier eigentlich eine untergeordnete Rolle spielt. Horvaths Text bleibt in jedem Fall das stärkste Element einer Aufführung.</P><P>So auch in der Inszenierung des jungen Florian Fiedler, der sich von Bernd Schneider die Bühne als angedeutete Wiesn dekorieren ließ - mit Schausteller-Box, in der Jan Eschke die Musik macht, und Bier-Regal zur Selbstbedienung. Dort, wo der Regisseur sich an den Autor hält, gelingen ihm Szenen von beeindruckender Dichte, Poesie und Kraft. Sehr schön, wie sich die Hauptpersonen, Kasimir und Karoline, Schürzinger, der Merkl Franz und seine Erna, zueinander verhalten, wie sie sich gegenseitig belauern, sich lieben und verletzen, sich küssen und schlagen, wie sie sich finden und verlieren und wie dabei ein jeder vergebens nach dem Ausdruck seiner Sehnsucht sucht. Ob Karoline und Schürzinger auf der kleinen Drehscheibe eine Achterbahnfahrt markieren oder ob die Wiesn-Gemeinde mit der Maß in der Hand "Trink, trink, Brüderlein, trink" wie das Vaterunser spricht - immer wieder schafft Fiedler Momente von bemerkenswerter Horváth-Wahrheit.</P><P>Doch da, wo er selbstverliebt glaubt, über den Dichter hinausgehen zu können, ihn sozusagen ins Heute weiterzuschreiben, verletzt er die streng komponierte Form des Stücks, beschädigt den Rhythmus der Sprache, gleitet ab ins Private _ und das ist nun einmal auf der Bühne immer langweilig, da nichts sagend. Nach dem überflüssigen Vorspiel, nach der witzig gemeinten Ansage "Bitte hinterlassen Sie das Oktoberfest so, wie Sie es vorzufinden wünschen" oder dem ironisch gedachten Spruch von "Eins, zwei, heruntergetrunken" hat sich Fiedler noch etwas ganz Besonderes ausgedacht:</P><P>Anstelle der von Horváth deftig ausgemalten Oktoberfest-Abnormitätenschau krauchen im Volkstheater neun Statisten zwischen 65 und 95 im Trainingsanzugs-Einheitsdress aus dem Hinterbühnen-Container hervor und erzählen Belangloses aus ihrem Leben. "Ich bin die Hermi Steckel, 88 Jahre alt und nicht mehr ganz dicht . . ."</P><P>Was in so naiver wie gleichsam überheblicher Denkungsart sozialkritisch gemeint sein mochte, wird zum peinlich arroganten und unfreiwillig lächerlichen Sozialkitsch. Damit macht sich Fiedler alles kaputt. Nach dieser Einlage findet die Aufführung nicht mehr zu Horváth zurück. Da können sich die Schauspieler noch so sehr ins Zeug legen, die Bikini-Mädchen noch sehr mit den Hüften wackeln, die alten, geilen Böcke Kommerzienrat und Landgerichtsrat noch so sehr die Sau raus lassen.</P><P>Wenn Laien langweilen</P><P>Leid tut es einem um die fünf jungen, begabte Hauptdarsteller, die zum Labern der Laien die gute Miene der Profis aufsetzen müssen. Dennoch: Stephanie Schadeweg ist eine trotzige, lebensgierige, wenn auch ein bisschen zu kalte Karoline. Karsten Dahlem als "abgebauter" Kasimir kehrt vor allem den Spießer hervor. Leopold Hornung zeigt als Merkl Franz eine gehörige Portion Brutalität. Die tragische Dimension verweigert ihm der Regisseur, indem er darauf verzichtet, Merkl, den kleinen Dieb, von der Polizei abführen zu lassen.</P><P>Berührend in ihrem Widerspruch zwischen Gefühlsnot und sozialem Zwang sind Elisabeth Müller mit ihrem so herzerweichend traurigen Gesicht als Erna und Nicholas Reinke als Charmeur Schürzinger. "Du entgehst meiner Liebe nicht", muss der in dieser Inszenierung am Ende Karoline drohen. Aber das ist ja ein anderes Stück. Von Horvá´ths "Geschichten aus dem Wiener Wald" sollte Florian Fiedler vorerst besser noch die Finger lassen.</P>

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