Fotografie aus der Serie „Asylum“: Roger Ballen inszenierte dieses Bild (2009) und andere Werke in einem südafrikanischen Haus, in dem Obdachlose und zahllose Vögel leben.

Suche nach dem Urgrund - Fotografien von Roger Ballen

München - Dicke Kringel - dicker Bauch. Roger Ballen hat diesen Schnappschuss 1972 festgehalten: jenes riesige poppige Element auf einer Wand und davor der Mann mit dem rundlichen „Profil" in der Leibesmitte.

Die Sammlung Fotografie des Münchner Stadtmuseums präsentiert jetzt eine umfassende Ausstellung zum Schaffen des US-amerikanischen Künstler-Fotografen, der seit langem in Johannesburg lebt. Die Schau „Roger Ballen - Fotografien 1969 bis 2009“ bietet aber nicht nur einen Überblick, sondern zugleich viele noch nie veröffentlichte Arbeiten des 1950 Geborenen.

Da seine Mutter bei der berühmten Agentur Magnum tätig war, lebte Ballen schon als Kind mit dem Medium Fotografie. Die ersten Aufnahmen des Psychologiestudenten orientierten sich folglich an der damals beliebten „street photography“, die den besonderen Augenblick einfängt. Aber schon an dem erwähnten Bild wird klar, dass Ballen einen Sinn hatte nicht nur für Menschen und Situationen, sondern auch für Grafisches, Leere, Stillstand, ja Abstraktion; gut zu erkennen in „Gekreuzte Beine“ von 1973, auf dem eigentlich fast nur zwei dunkle Diagonalen zählen.

Nach dem Tod seiner Mutter ging Ballen auf Weltreise und dokumentierte dabei die Buben dieser Welt, veröffentlicht in der Serie „Boyhood“. Danach studierte der gelernte Psychologe Roger Ballen Geologie und wurde in Südafrika angestellt. Als Geologe kam er herum, immer die Kamera dabei. Er entdeckte ein weißes Afrika, das aus Armut, Verelendung und aus (Inzucht-)Degeneration bestand. Die Fotos sind schockierend. Man fühlt sich durchaus davon abgestoßen, wie Ballen die Menschen wie in einem Kuriositätenkabinett vorführt. Im Kontext der Apartheid jedoch bekommen diese Dokumente über die Buren („Dorps. Small towns of South Africa“ und „Platteland“) eine so klare wie subversive anti-rassistische Stoßrichtung.

Die politische Ebene interessierte den Fotografen aber nur zum kleineren Teil. Er ging immer intensiver und ehrlicher auf Außenseiter zu. Schon in der Reihe „Outland“ benutzte er sie weder, noch bildete sie dokumentarisch ab, er bezog sie vielmehr mit in sein Spiel ein. Der Fotograf ist da zum freien Künstler geworden, dem die von der Gesellschaft Ausgegrenzten, Alleingelassenen helfen: auf dem Weg zu seiner Kunst. Die will zu ursprünglichen Zeichen zurück. Zeichen, von Menschen, die nicht vollgekleistert sind mit medial vorgekauten Massenkürzeln.

Roger Ballen inszeniert seit zehn Jahren seine Bilder immer präziser. Es sind sorgfältig komponierte Installationen aus Wandzeichnungen und Fundstücken - aus Hallen, in denen sich die Obdachlosen zusammen mit ihren Tieren ein Umfeld schaffen. „Asylum“ (2009) ist die letzte und reifste Serie dieser Art. Der Mensch ist fast vollständig verschwunden, übrig geblieben sind seine Zeichen: Kindlich und genial, kraftvoll und zart wird erzählt von Hoffnung und Leid und der Menschen-Fähigkeit, daraus Kunst zu machen.

Simone Dattenberger

Bis 27. Februar 2011,

täglich außer Montag ab 10 Uhr, Tel. 089/ 233-22 370; Katalog (Kerber): 44,80 Euro.

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