Süchtig nach Ruhm

- Glücklich das Land, das keine Helden nötig hat, heißt es bei Bertolt Brecht. Deutschland war hingegen ein Land, wo stets gern mit diesem Falschgeld der Politik die Gehirne der Menschen voll gestopft wurden. Das Sterben fürs Vaterland - im Preußen Gotthold Ephraim Lessings hatte das ganz besonders Konjunktur.

Für den Schriftsteller und großen Aufklärer seiner Zeit war der Siebenjährige Krieg Anlass für ein Kurzdrama: "Philotas" (1759), so radikal und auf die Spitze getrieben, dass es in seiner langen Geschichte weitgehend ungespielt blieb.

Keine Verse, sondern messerscharfe Prosa. Ein Denk-Spiel mit Modellcharakter. Wenn das nun heute ein junger Regisseur auf die Bühne bringt, muss er mehr darin sehen als nur die literarische Rarität. Es muss ein aktueller Bezugspunkt vorhanden sein. Die Zuschauer der Aufführung des Bayerischen Staatsschauspiels könnten diesen herstellen: Wo Kinder für ihre Väter in den Tod gehen; wo es als Schande gilt, falls sie an den Erziehungs-"Idealen" der Erwachsenen scheitern; wo das Sterben zur Heldentat wird - es gibt diese Orte und Gesellschaften, die jene Grundsätze zum Maßstab ihrer Werte gemacht haben. Gesellschaften, deren Jungen idealistisch verblendet ins Massengrab stürmen.

Insofern ist Lessings "Philotas", verfasst in antikischem Gewand, als zeitloses Muster hochaktuell. Denn der Dichter führt in dialektischer Selbstreflexion der Titelfigur und in ihrer Konfrontation mit den alten Kämpfern Krieg, Heldentum und Tod ad absurdum. Das letzte Wort gibt Lessing dem Aridäus, der nicht mehr König sein will: "Glaubt ihr, Menschen, dass man es nicht satt wird?"

Alexander Nerlich hat sich sehr gewissenhaft dieses schwierigen Textes angenommen und lässt ihn im Münchner Marstall in einer Art Gruft spielen. Auf einer übergroßen, schwarz spiegelnden Grabplatte denkakrobatikt eineinhalb Stunden lang der junge Felix Klare als Philotas.

Eine Rolle, die ihm - und das mit Erfolg - größte Vielseitigkeit abverlangt: das Changieren zwischen Kindlichkeit und gespieltem Großmannsgehabe, zwischen Pein, Verzweiflung und der Arroganz der Jugend, zwischen Demut, Aggression und der Allüre des geborenen Herrschers. Dazu kommen gespenstisch ausgeleuchtete Traumsequenzen, die den Tod bereits gegenwärtig machen. Und darüber hinaus Charme und Überzeugungskraft, denn dieser nach Heldentum süchtige Jüngling besticht, überzeugt in seiner vermeintlichen Logik.

Vezaubert von ihm der König, den Gerd Anthoff als einen mild gewordenen Elegant ganz in weiß spielt; stark in seiner wissenden Jovialität, in seinem verzweifelten Zorn, in seiner tiefen Resignation. Beeindruckt von dem jungen Gefangenen zeigt sich auch Feldherr Strato, den Fred Stillkrauth einen gütigen Haudegen sein lässt. Und der Philotas-Vertraute, der ebenfalls gefangen genommene Parmenio. Bei Lessing auch der ein reifer Krieger. In der Inszenierung Alexander Nerlichs aber ist er so kindlich jung wie Philotas. Durch die intelligent-distanzierte Klarheit und den sehr modernen Gestus, mit denen Christian Friedel diese Figur ausstattet, erhält die Geschichte zusätzliche Brisanz. Und berührt.

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