Auf dem Weg in den Süden

Brüsseler Ausstellung "Blicke auf Europa": - Wer die Zeichen eines vereinten Deutschlands sehen will, muss jetzt nach Belgien fahren. Und wer nach den Wurzeln Europas vor den Maastrichter Verträgen sucht, sollte sich ebenfalls zur deutschen Ausstellung nach Brüssel aufmachen.

Was paradox klingt, ist im dortigen Palast der Schönen Künste (BOZAR) absolut augenfällig: "Blicke auf Europa - Die deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts" beweist anlässlich der deutschen EU-Präsidentschaft nicht nur die nimmermüde Liebe der Deutschen zu allem, was internationale Bildung bedeutet, sie zeigt neben der Sehnsucht nach dem Süden auch die Bezüge zum Norden auf.

Die Museen von Berlin, Dresden und München haben sich zusammengetan, um diese polyglotten Deutschen mit einem Paukenschlag zu präsentieren: Von Caspar David Friedrich bis Adolph Menzel, von der Romantik bis zum Realismus reicht das Spektrum der 150 Spitzenwerke. 50 Jahre nach Gründung der EWG und nach 15 Jahren EU ist damit der Verweis auf einen kulturellen Grundstein gelungen, der weit jenseits des Politischen liegt.

Die zwölf Kapitel orientieren sich streng am deutschen Blick auf die Nachbarländer. In dieser Eingleisigkeit liegt die Stärke und die Schwäche der Schau gleichermaßen, die so inmitten einer grenzenlosen Kunst ein launiges Konzept verfolgt. Den ersten Rang auf der Hitliste der Deutschen nahm natürlich Griechenland als Wiege der abendländischen Kultur ein. München kann hier ein Wiedersehen feiern mit Klenze und Hess, mit bunten Trachten unter ehrwürdigen Tempeln. Auch bei der Italien-Sehnsucht mischt die Münchner Neue Pinakothek eifrig dank Quaglios Rom-Ansichten oder Blechens Assisi mit. Ganz im Gegensatz zu der oft fernen Griechenland-Schwärmerei machten sich nun Heerscharen auf den Weg in den Süden: Vor allem die Deutsch-Römer fanden in Florenz und Rom die Zentren, die sie im zersplitterten und stagnierenden Deutschland vermisst hatten.

150 Bilder eines neuen Zeitalters

Feuerbach malt seine "Maria" 1860 in einem goldschimmernden Sfumato eines Leonardos, Böcklin komponiert seine "Toteninsel" 1883 wie einen Tempel. Während Overbeck monumentale Ikonen der historischen Denkweise schafft, klingt bei Oswald Achenbachs "Villa Borghese" (1886) der Impressionismus im streuenden Licht an.

Am fulminantesten aber drückt sich die Schwärmerei fürs Ausland im zukunftsträchtigeren "Licht des Nordens" aus. Friedrichs "Mönch am Meer" (1808/10) als Inkunabel des romantischen Pantheismus, seine "Abtei im Eichwald" (1809/10) als religiöses Rätsel überwältigen immer noch mit ihrem Weitblick. Gleichzeitig entsteht Runges "Großer Morgen" als lichterfülltes Lebenskonzept.

Neben diesen Meilensteinen können die anderen Porträts und Landschaften kaum bestehen. Auch der nächste Raum, den Allianzen mit dem Osten gewidmet, hat bei weitem nicht solch künstlerische Durchschlagskraft. Einzig der Emaille-zarte Blick auf den Kreml (Eduard Gaertner, 1839) fällt auf - und der arg weite Sprung zu den flüchtigen Begegnungen mit Max Slevogt oder Robert Herrmann Sterl im nächsten Jahrhundert.

Schlüssiger ist der Ausflug in die Berg- und Nebellandschaften Böhmens und des Riesengebirges, wo sich Friedrich, Carus und Richter ihre Gleichnisse von Landschaft und Seele erobern. Nahtlos schließt sich daran die erste Begeisterung für das Gebirge an. "Der Watzmann" von Richter und Friedrich, dazu Kochs "Schmadribachfall" locken mit steinerner Naturgeschichte und schneebedeckter Weite.

Der Gegenpol dazu kommt aus England: Tischbeins kapriziöse Gesellschaften sind ein Beispiel für die Bewunderung des englischen Fortschritts. Ähnlich wie England steuerte Belgien einen kaum bekannten, neuen Impuls für die Historienmalerei bei, während Nachbar Holland vor allem einen bürgerlichen Realismus verfolgte. Max Liebermann wurde nicht müde, die Szenen aus dem Amsterdamer Waisenhaus in schnellen Pinselschlägen lichtvoll zu skizzieren. Der Sprung zu Adolph Menzel liegt förmlich in der Luft. Mit seinen malerischen Dokumentationen am Ende des 19. Jahrhunderts wird der Besucher entlassen ­im Kopf die wogende "Piazza d‘ Erbe zu Verona" (1882-84), das seltsam leere "Balkonzimmer" (1845) und das feuerleuchtende "Eisenwalzwerk" (1872-75), alles Bilder eines neuen Zeitalters der Technik, der Gesellschaft und vor allem der Kunst.

Bis 20. Mai, Katalog: 38 Euro, Tel. 0032/ 2/ 507 83 91.

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