So süffig wie Heuriger

- Es ist der verrückteste Ausflug, den München im Moment zu bieten hat: mit Ödön von Horváths Figuren seiner "Geschichten aus dem Wiener Wald" zum Picknick oder Heurigen an die schöne blaue Donau. Barbara Freys Inszenierung, die bei den letzten Salzburger Festspielen Premiere hatte (s. Kritik vom 27. 7.), ist jetzt da angekommen, wo sie hingehört: ins Residenztheater des Bayerischen Staatsschauspiels.

Gut haben dieser Produktion die zehn Salzburger Vorstellungen getan. Bei ihrer Münchner Premiere stellte sich jetzt die Aufführung mit hoher Selbstverständlichkeit dar als ein hinreißend traurig-komischer Reigen der großen Nöte der kleinen Leute. Bei ihrem Versuch, ein Eckchen Glück zu ergattern, wursteln sie sich verzweifelt und lebenstrotzig durch ihr Dasein. Wie der Metzger Oskar, der am Verlobungstag seine Braut Marianne an die Rennplatzkapazität Alfred verliert. Wie die Witwe Valerie, die sich, von jenem Alfred frech sitzen gelassen, Trost holt beim dreisten Jungnazi Erich. Wie der Puppenmacher Zauberkönig, den angesichts der Strapse der feschen Valerie honorige Sinnlichkeit überfällt. Und wie seine Tochter Marianne, die als Einzige aus dieser kläglichen Enge ausbricht und am Ende dafür zahlt mit dem Verlust ihrer Liebe, der Preisgabe ihres Körpers, dem Tod ihres Kindes und einer ungewollten Ehe.

Egoisten unter sich, denn keiner hat hier - 1929/30 - etwas zu verteilen. Und doch treibt sie die Sehnsucht hinaus zum Feiern. Immer wieder schickt dazu die Regisseurin ihre Schauspieler im Gänsemarsch über die Bühne. Das ist urkomisch und hat doch auch etwas von einem makabren Totentanz. Mit Fresskorb, Regenschirm und Fotoapparat. Und immer mit der Weinflasche, die bei jeder neuen Umrundung ein bisschen leerer ist. Der Suff heiligt die Mittel: Seelische und körperliche Entblößung werden hier eins.

Die Schauspieler sind in Hochform. Was bei der Salzburger Premiere mitunter noch unfertig wirkte, in München hat ihr Spiel etwas genial Hingeworfenes. Lambert Hamel als Zauberkönig: Wie ein ins Wanken geratener Fels tänzelt er mit tragikomischer Leichtigkeit und abgründiger Tiefe durch die Katastrophe seiner Existenz. Und Sunnyi Melles als lebenslüsterne Valerie zwischen Sentiment und Pragmatismus ist ihm optimale Partnerin. Zwei Wunderkomödianten, die sich treffen in ihrem Schmerz.

Glänzend auch in seiner tragischen Verklemmtheit: Thomas Loibl, der der Negativfigur Oskar auf sehr sensible, scheue Weise zu ihrem Recht verhilft. So gut wie als dieser mittellose Filou Alfred, dem die Lebensangst im Gesicht steht, war Michael von Au schon lange nicht zu sehen. Und gewonnen an darstellerischer Präsenz hat in ihrem Alles-oder-Nichts-Idealismus auch die Marianne der fabelhaften Juliane Köhler.

Dass die Regisseurin ihr Feuerwerk nach der Pause so ziemlich verschossen hat und dies durch manche Mätzchen zu kaschieren sucht, ist der Wermutstropfen dieser Aufführung, die ansonsten so süffig ist wie bester Heuriger. Der Lust an diesem Ausflug in die Wiener-Wald-Seelen des genialen Ödön von Horvá´th kann aber das bisschen Bitterkeit nichts anhaben. Großer Premierenbeifall.

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