Der Sündenfall

- Es muss nicht immer München sein. Für junge Leute interessant ist es oft auch anderswo. Zum Beispiel in Augsburg. Dort hatte jetzt im Rahmen der Brecht-Woche "Leben des Galilei" Premiere. Ein Stück, das in der Heimatstadt des großen Dichters 1972 zum letzten Mal gespielt wurde. (In München übrigens letztmals vor 20 Jahren im Residenztheater.) Fürs Augsburger Premierenpublikum war der Text also wie Neuland. Gefesselt bis zur letzten Minute folgte es dem Geschehen auf der Bühne.

<P>Es sind aber auch nach wie vor hochspannende Dialoge. Eine intellektuelle und moralische Auseinandersetzung, die topaktuell ist. Die in der Form eines Dramas formulierte Frage nach der Verantwortung und der Schuld des Wissenschaftlers - nach Hiroshima von Brecht noch einmal verschärft und zugespitzt - ist immer wieder neu zu stellen. Sie ist heute genauso schwer und widersprüchlich zu beantworten, wie es der Autor in seinem "Galilei" tut.<BR>Eine Inszenierung dieses Stücks kommt gerade recht - noch dazu zu einem Zeitpunkt, da man hierzulande durch das "Einstein-Jahr" besonders sensibilisiert ist für Forschung und Wissenschaft. So empfiehlt sich für jeden Deutsch-Leistungskurs also der Schlachtruf: Morgen Augsburg! Unabhängig davon, wie Aufführung und Schauspieler im Detail zu bewerten sind.<BR><BR>Holger Schultze hat "Leben des Galilei" in schöner Klarheit auf die Augsburger Bühne gebracht. Die Kuppe einer Kugel ist das beherrschende Element der Ausstattung (Martin Fischer). Keinerlei Mobiliar. Alles, was irgendwie Stimmung erzeugen könnte, wurde glücklicherweise vermieden. Einzige Dekorationsteile: ein Globus, ein Fernrohr. Nichts haben die Schauspieler, die fast alle mehrere Rollen zu bewältigen haben, um sich sozusagen festzuhalten. Schultz baut ganz und gar auf den Disput.<BR><BR>Und aufs Mitdenken der Zuschauer: Ist es richtig, dass Galilei, um von der Kirche nicht als Ketzer verbrannt zu werden, seiner Erkenntnis, dass sich die Erde um die Sonne dreht, abschwört? Dass er damit den Sündenfall der Wissenschaft begeht? Immerhin hat er aber doch in den folgenden Jahren des Hausarrestes heimlich seine "Discorsi" verfasst, sein großes wissenschaftliches Werk über die Mechanik und die Fallgesetze. Eine weitere Frage, die Brecht interessanterweise und wohl sich selbst dabei miteinschließend thematisiert: Welche Rücksicht hat ein Großer auf das eigene private Umfeld zu nehmen? Galilei ist weit entfernt davon und opfert seiner wissenschaftlichen Überzeugung das Glück der Tochter.<BR><BR>Wie brisant das Stück in seiner Thematik noch immer ist, zeigt vor allem die stärkste Szene des Abends: die weltanschauliche Auseinandersetzung Galileis mit den Kardinälen Barberini, dem späteren Papst Urban VIII., und Bellarmin, die kirchlicherseits mit der Aussage endet: "Wenn es keinen Gott gäbe, dann müsste man ihn erfinden." Das ist gut gespielt von Wolfram Ruperti (Barberini) und Klaus Georg Clausius (Bellarmin). Einen gedanklich klaren Gestus zeigt in allen Szenen auch Jacques Malan als Galilei. Dennoch bleibt er der Titelfigur einiges an Sinnlichkeit schuldig. Mehr Oberlehrer als ein Mann (1564-1642), über den noch im 20. Jahrhundert Pius XII. sagte: "Ein Galilei in 2000 Jahren ist genug."</P><P>Infos: Tel. 0821/ 324 49 12;</P>

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