Der Sumpf und die Sumpfblüte

- "Wenn man Angst hat vor dem Irrwitz des Stücks, sollte man die Finger davon lassen." Elmar Goerden, Regisseur am Bayerischen Staatsschauspiel, ist ein furchtloser Mann. Also wagte er sich - ebenso wie Christian Stückl am Volkstheater - an William Shakespeares "Titus Andronicus"; allerdings in der neuen Übersetzung von Michael Wachsmann. Die Hauptrolle spielt Lambert Hamel. Premiere ist am Samstag im Residenztheater. Es ist dies Goerdens erste Shakespeare-Inszenierung.

<P>Wie war Ihnen zumute, als Sie erfuhren, dass auch das Volkstheater mit dem "Titus" herauskommen würde? Und zwar noch vor Ihnen. Wäre es Ihnen lieber gewesen, mit der Premiere der Erste zu sein?</P><P>Goerden: Das ist mir nicht so wichtig. Aber dass Stückl auch dieses Stück macht, das ist, als würde jemand auf eine entlegene Insel fahren, und die Nachbarn sind schon da. Wir hatten diesen Shakespeare ja seit langem geplant. Schon vor zwei Jahren, als ich noch in Stuttgart war, habe ich mit Dieter Dorn über "Titus Andronicus" gesprochen. Die Aussicht, in München so ein Stück zu inszenieren, was woanders nicht möglich ist, weil es an anderen Theatern keine Schauspieler dafür gibt, war sehr verlockend. Für "Titus Andronicus" braucht man einen Darsteller wie Lambert Hamel, der diese Gratwanderung zwischen Irrwitz, Grausamkeit, Komik und Tragik durch sein Spiel auch beglaubigen kann. Fürs Volkstheater tut mir diese Duplizität sehr leid. Ich habe dort einen meiner schönsten Theaterabende erlebt, den "Verkauften Großvater". Und ich wollte jetzt nicht den Eindruck erwecken, als würde ich nun mit der Planierraupe dazwischenfahren. Aber ich bin nicht so wendig, ich habe nicht vier oder fünf andere Titel als Alternative in der Tasche.</P><P>Könnten zwei "Titus"-Aufführungen nicht auch von Vorteil sein?</P><P>Goerden: Es gibt einen positiven Aspekt: dass wir dadurch genötigt sind, noch einmal die Gründe auf den Tisch zu legen, warum wir diesen Shakespeare wirklich machen wollen.</P><P>Und warum?</P><P>Goerden: Weil es ein wüstes Stück ist. Darin werden Sachen zusammengefügt, die nicht zusammengehören. Teilweise von atemberaubender Schönheit. Und immer unter einem theaterpraktischen Aspekt. Als hätte Shakespeare zu seinen Schauspielern gesagt: Probieren wir doch mal aus, wie weit wir noch gehen können. Er setzt immer noch eins drauf. Wird bei Ovid der Lukretia die Zunge rausgeschnitten, lässt Shakespeare der Titus-Tochter Lavinia dazu auch noch die Hände abhacken. Es ist ein zutiefst finsteres Stück _ ohne auch den geringsten Lichtstrahl am Ende. Aber es ist voll gepackt mit Szenen, auf die man sich freuen kann. Der Sumpf und die Sumpfblüte _ beide sind sie der Herzschlag des Dramas.</P><P>Sie sind, wie man weiß, nicht der Einzige, der sich das Stück ausgesucht hat. Gibt es eine besondere politische Aktualität? </P><P>Goerden: Man könnte sagen: Dieser Titus, der als Feldherr der Römer die barbarischen Goten besiegt _ das ist so etwas wie die Speerspitze der Zivilisation gegen die Achse des Bösen . . . Also dass das Stück heute eine gewisse Aktualität hat, das kriegt man gratis dazu. Wir wollen nicht extra aktualisieren. Wir können nicht so tun, als kämen die Leute, die hier auftreten, von nebenan. Nein, die sind uns alle sehr fremd. Was nicht heißen soll, dass wir uns ihnen nicht nähern könnten.</P><P>Hier werden auf der Bühne maßlose Grausamkeiten vollzogen und immer noch ein Mord _ das ist doch alles höchst unwahrscheinlich. Wie kann man das spielen, ohne unfreiwillige Lacher zu riskieren?</P><P>Goerden: Wir müssen eine Welt erfinden, in der beglaubigt ist, was hier an einem Tag für Unwahrscheinlichkeiten geschehen. Es ist ein Problem der Darstellbarkeit. Die Frage ist: Wie verhält man sich angemessen? Was ist angemessen? Die Menschen bei Shakespeare haben nach so viel Schmerz keine Tränen mehr, da bleibt ihnen teilweise nur noch lachen. Dieses Stück erschüttert sämtliche Muster von angemessenen Verhaltensweisen oder dessen, was wir für angemessen halten. Zur Shakespeare-Zeit war es ein Riesenhit. Heute besteht natürlich die Gefahr, zusammen mit dem ganzen Werk in so einen Bluteintopf geworfen zu werden.<BR></P>

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