Super-Stück, das machen wir - Im Gespräch: Christine Eder

München - Das Zwillingspaar Jeanne und Simon wird durch das Testament seiner Mutter Nawal gezwungen, deren Vergangenheit zu erforschen. Diese Reise in den Schmerz nennt der libanesisch-kanadische Autor Wajdi Mouawad "Verbrennungen". Die österreichische Regisseurin Christine Eder (31) inszeniert das Stück für das Münchner Volkstheater.

Es spielen unter anderen Xenia Tiling, Barbara Romaner, Stephanie Schadeweg, Sophie Wendt, Timur Isik und Nico Holonics. Premiere ist heute Abend.

Premiere am Volkstheater: Regisseurin Christine Eder über den Polit-Familienkrimi "Verbrennungen"

Wie sind Sie auf das Stück gestoßen?

Es wurde mir gleich von mehreren Seiten empfohlen. Nachdem ich's gelesen hatte, habe ich gesagt: Super-Stück , das machen wir.

Was fasziniert Sie daran?

Äußerlich: Die Form ist spannend, denn der Autor hat das Drama mit seiner kanadischen Schauspielertruppe entwickelt. Die Erzählform springt zwischen Alltagssprache und poetischer Sprache, wenn es im Libanon spielt, hin und her. Dramaturgisch: Die Geschichte ist wie ein Krimi aufgebaut. Und inhaltlich: Es ist vielschichtig. Da gibt's nicht nur die Familiengeschichte, die an antike Stoffe erinnert.

Obwohl es um Gewalt geht, die durchaus real ist, bekommt diese durch den Inzest zusätzlich eine mythologische Ebene - etwa wie bei Ödipus.

Dadurch gelingt es, den politischen Stoff allgemeingültig zu halten, sodass es um jeden Krieg gehen könnte. Mouawad hat das auf kluge Art verallgemeinert. Damit ist das Drama weder platt noch moralisierend. Und das ist mir fürs Theater allemal lieber.

Wie können Sie die mythologische Nuance herausarbeiten?

Sie ist nicht unterschwellig da, sondern fließt sehr deutlich ein. Deswegen ist die Bühne nicht naturalistisch, sondern abstrakt. Eine Tragödienbühne, die atmosphärisch viel möglich macht, Platz lässt für unsere Gedanken. Auch dass drei Figuren die Mutter darstellen, führt zum chorischen Sprechen. Aber natürlich sind die Konflikte unglaublich - der Inzest ist einfach nicht abbildbar.

Gibt es das vollkommen Böse?

Ja! Oder: Da kulminieren die bösesten Umstände miteinander und bilden einen furchtbaren Knoten. Trotzdem gibt es am Ende eine Auflösung, weil man den Konflikten nachgegangen ist. Die Kinder sind ja am Anfang nicht begeistert davon, sich damit zu beschäftigen. Aber sie lösen den Schicksalsknoten. Am Ende geht man raus mit der Hoffnung auf das Gute - wenn wir schon beim Bösen waren. Weil nichts verdrängt wurde.

Die Mutter schweigt jahrelang. Schweigen und Theater, das vom Reden lebt - wie funktioniert die Beziehung?

In dem Stück gibt es für jede Figur den Moment, in dem sie schweigt. Das ist der einzige adäquate Umgang mit der Ungeheuerlichkeit, der sie begegnet. Es gibt keine Worte mehr. Man kann die Erkenntnis von Unfassbarem auf dem Theater abbilden, aber das trägt nicht lange. Dennoch: Die große Stille auf dem Theater, das ist ein großer Moment.

Im Stück gehen Reisen und das Sich-Erinnern ineinander über. Ermöglicht auch Theater eine Art von Erinnerungsarbeit?

Das wird von der Mutter ausgelöst. Sie stellt den Kindern - wie im Märchen - Aufgaben. Sie führen zum Kennenlernen der Mutter. Die Kinder sind ja komplett ahnungslos, dass sie Widerstandskämpferin war, dass sie gemordet hat, vergewaltigt wurde. Sie haben keine Ahnung von ihrem eigenen Ursprung. Das ist außerdem eine Erinnerungsarbeit an einem Bürgerkrieg, bei dem die Beteiligten kaum mehr wissen, worum es eigentlich ging: Es gibt nur noch Anschläge, man reagiert darauf - und so fort. "Verbrennungen" ist natürlich auch ein Denkmal für den Libanon-Krieg.

Das Gespräch führte

Simone Dattenberger

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