Der Super-GAU

- So klein und schwach sie auch sein mögen, so groß scheint ihre Macht. Kinder - eine Spezies, die (vor allem kinderlose) Erwachsene mühelos zur Raserei bringen kann oder sie wenigstens paranoid werden lässt. Der Super-GAU für die Großen, Gescheiten, Gerechten und ihre ganze schöne Ordnung. Mit gewohnter Heimtücke hat Gerhard Polt unter dem Titel "Kinderdämmerung" auf einer CD Szenen versammelt, die sich mit dem Verhältnis zwischen den Generationen - besser: mit der Meinung der Alten über die Jungen beschäftigen.

Und auch wer glaubt, das sei im 21. Jahrhundert alles schon ein bisschen überholt, lässt sich doch hineinziehen in Nummern, hinter deren Aberwitz die bittere Wirklichkeit hervorschaut. Da sammelt einer fanatisch Beweise für die "Ruhestörung" durch den Nachbarsbuben - und ist doch durch das Toben des Verkehrs kaum zu vernehmen. Da will einer seiner Tochter jede Förderung angedeihen lassen - und entpuppt sich als brutaler Sklaventreiber, der das Kind nur benutzt, um sein Ego zu befriedigen. Der "zu Erziehende" als Fehler im System - was liegt näher, als sich einen Lehrer vorzustellen, dessen größte Angst es ist, dass sich in seinen Unterricht einmal "echte" Schüler verirren?

Von Sklaventreibern und Sportlereltern

Bitterböse Texte, die so richtig scharf erst werden durch die angemessene Interpretation. Und so sind zwar auch Anette Spola, Matthias Beltz, Jens Jensen, Axel Milberg und Michael Tregor mit von der Partie, doch die besten Szenen gelingen dem guten alten Traumpaar Polt/Gisela Schneeberger. Schön derb ihr Duell der Sportlereltern, die sich stellvertretend für ihre Sprösslinge bekriegen, perfide die Szene über eine Frau, die anlässlich des (Verkehrs-)Unfalltodes eines Kindes larmoyant Opfer und Täter vertauscht.

Dialoge, die en passant das Unmenschliche im Menschen offenbaren - und für sich allein stehen könnten. So wirken die Szenen, in denen im Jargon der Juristen die Jugend als solche verhandelt wird, zu abstrakt und künstlich. Ein Mangel, der aber nicht schwer wiegt in einer Produktion, die man, falls noch ein Geschenk fehlt, vorsichtshalber nur liebenden Eltern ins Osternest legen sollte . . .

Gerhard Polt: "Kinderdämmerung" (Kein und Aber).

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