Superlange Spaghetti

- Ganz entspannt will Lang Lang die Übungsstunde angehen, deshalb ist er in knallgelbe Turnschuhe geschlüpft, trägt Sakko über blauem T-Shirt. Fünf Talente erhalten im Gasteig vom Superpianisten aus China eine Lektion vor Publikum. Das Quintett zwischen 14 und 22 Jahren spielt auf Einladung des Bayerischen Rundfunks vor. Ihr Lehrmeister auf Zeit sitzt ihnen im Rücken, ohne ihnen auf die Finger zu sehen. Zuhören genügt, ab und zu gönnt sich Lang Lang einen Blick in die Partitur.

Im 24-jährigen Virtuosen steckt ein guter, weil unkonventioneller Lehrer. Die Anspannung verscheucht er mit Späßen: Die Klavierspieler lachen herzlich, etwa wenn er mit ausladenden Gesten das Pathos des "Superromantikers" Liszt darstellt. Oder ihnen rät, Sequenzen wie "Wasser ohne Sprudel" zu interpretieren. Dabei hat er für alle eindeutige Botschaften in petto ­ mehr über Gefühl und Poesie als über technische Kniffe. Der außergewöhnlich eloquente Lang Lang eröffnet dem Nachwuchs neue Perspektiven aufs Spiel ­ mit vielen sprachlichen Bildern und körperlichem Einsatz.

Die 16 Jahre alte Marlene Heiß etwa wird die "superlangen Spaghetti" so bald nicht vergessen, die Lang Lang auch spielt ­ slapstickhaft mit ausgebreiteten Armen rudernd. Die junge Dame suchte sich Tschaikowskys "Méditation" in D-Dur aus, ansonsten spielt sie vornehmlich Chopin. So leicht wie der dürften die Russen auf keinen Fall daherkommen, bläut Lang Lang ihr ein. Mehr Tiefe, mehr Ausdauer ­ daher die Nudelmetapher ­ und vor allem mehr Fantasie sei erforderlich. Ach ja, auch mehr Armarbeit: Wer Tschaikowsky brillant darbieten will, müsse viel essen.

Dem 14-jährigen Benjamin Buchberger wuschelt Lang Lang durchs kurz und lang geschnittene Haar ­ so abwechslungsreich wie die Frisur sei auch Mozart. Hauptschwierigkeit bei diesem Komponisten: bei den genial-verrückten Wechseln "den Rhythmus zu kontrollieren". Selbst eine Sonate gleiche einer Oper ­ jede Passage ein eigener Charakter. "Diese ist schmerzhaft", poltert der Meister und tippt dem Buben an die Brust.

Dessen Schwester Anna, 17, haucht Lang Lang ein "unbedingt weitermachen" zu. Ihr Beethoven hat ihn entzückt, obwohl Anna ihn ganz anders interpretiert als er selbst. Wer solche Schuhe trägt, muss künstlerische Freiheiten schon erlauben.

\-K\x0cWerner Kurzlechner

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