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Bastian Conrad, Neurologie-Professor und Shakespeare-Kenner.

Superstar an Londons Theatern

Bastian Conrad spricht im Interview über sein Werk „Christopher Marlowe, der wahre Shakespeare“, die Suche nach Indizien und seine Forschungsstrategien.

Schrieb William Shakespeare (1564 bis 1616) seine Stücke wirklich selber, oder hatte er einen geheimen Ghostwriter? Der emeritierte Münchner Professor Bastian Conrad (geboren 1941) will Beweise gefunden haben, wonach die weltberühmten Dramen nicht aus der Feder Shakespeares stammen, sondern von Christopher Marlowe (1562 bis 1593) verfasst wurden. Conrad, der zwanzig Jahre lang die Neurologische Klinik der TU München (Klinikum rechts der Isar) leitete, hat dazu das Buch mit dem Titel „Christopher Marlowe, der wahre Shakespeare“ geschrieben. Wir sprachen mit dem Mediziner und Schriftsteller über seine Thesen.

Wie kommt man als Neurologe dazu, ein Buch über Shakespeare zu schreiben?

Ein persönlicher Anstoß war sicher 1955 das Buch Calvin Hoffmans, „The man who murdered Shakespeare“, das mein Vater mir als 14-Jährigem nahebrachte. Zugleich war ich als Neurologe ein Leben lang gezwungen, darüber nachzudenken, wie das Gehirn funktioniert und wann und warum es sowohl rational als auch teilweise irrational denkt und handelt. Dies führte mich irgendwann zu der Frage, welchen Grund es gehabt haben kann, dass gerade bei dem wohl größten Dichter aller Zeiten, William Shakespeare, seit 400 Jahren eine solch irrational erscheinende Diskussion um seine reale Existenz besteht. Mir wurde klar, dass es dafür eine eindeutige Antwort geben müsse, die bis heute deshalb nicht akzeptiert wurde, weil bestimmte Vorstellungsgrenzen des menschlichen Gehirns nur schwer zu überwinden waren.

Sie sind mittlerweile überzeugt, dass Christopher Marlowe der wahre Shakespeare ist. Wer war dieser Marlowe?

Ja, ich bin in der Tat zutiefst davon überzeugt, dass nur Christopher Marlowe der wahre Shakespeare gewesen sein kann. Marlowe war gleich alt wie Shakespeare, kam wie er aus einfachen Verhältnissen und wuchs in Canterbury auf. Als Hochbegabter erhielt Marlowe ein Stipendium für ein Studium an der Universität Cambridge. Er war der literarische Genius seiner Zeit schlechthin, der Superstar an Londons Theatern mit einem großen Werkkanon. Bis zu seinem vermeintlichen Tode im 30. Lebensjahr 1593 war dagegen von Shakespeare kein einziges literarisches Zeugnis je bekannt geworden. Dieser tauchte erst auf, nachdem Marlowe wegen einer Bagatelle im Streit um eine Rechnung mit einem Dolch angeblich erstochen wurde.

Sie haben viele Indizien für Ihre Theorie gesammelt und in Ihrem Buch erläutert. Welches Indiz ist Ihrer Ansicht nach am stichhaltigsten?

Obwohl viele Indizien ausreichten, hat das Herausheben eines einzelnen stichhaltigen Indizes – „the smoking gun“ – nie zu einer Lösung des Problems geführt. Das Buch folgt bewusst nicht diesem Trend, sondern es stellt die heutige Ansammlung sowohl negativer Evidenzen contra Shakespeare aus Stratford als auch positiver Evidenzen pro Marlowe zusammen. Diese führen nach wissenschaftlichen Kriterien zu einer astronomisch hohen Wahrscheinlichkeit, dass Shakespeare ein Pseudonym oder Tarnname des literarischen Genies Marlowe gewesen sein muss.

Innerhalb der Shakespeare-Forschung wird die Autorenschaft nicht in Zweifel gezogen. Warum sind es überwiegend Laien-Forscher, die sich des Themas annehmen?

Der Shakespeare-Mythos hat sich längst zu einem religiösen Dogma entwickelt, das nicht mehr hinterfragt werden soll und darf. Shakespeare-Experten sind in aller Regel keine Autorschafts-Experten. Zweifel oder ein noch „Nicht-verstehen“ ist der Motor jeder Wissenschaft. Deshalb sind vor allem Außenseiter, Fachfremde und Personen übrig geblieben, die über den eigenen Tellerrand schauen wollten.

Welche Rolle spielt England, die Heimat Shakespeares, in der Frage der Autorenschaft?

Ohne den repressiv historischen und literarischen Hintergrund des Elisabethanischen Zeitalters ist die Autorschaftsfrage nicht verstehbar. Shakespeare alias Marlowe hätte wegen drohender Anklage der Häresie und der Staatsgefährdung nicht vor dem Tode gerettet werden können, wenn er nicht mit Unterstützung der Krone nach seinem Tod, richtiger nach seiner Todesvortäuschung am 31. Mai 1593, Identität und Name dauerhaft gewechselt hätte (zu Shakespeare, Anm. d. Red.), und dies mit Hilfe einer realen, ihn maskierenden Person (Shakespeare) mit (fast) gleichem Namen. Eine solche Situation ist für ein normales Gehirn nicht mehr nachvollziehbar.

Das Gespräch führte Ulrich Lobinger

Bastian Conrad:

„Christopher Marlowe, der wahre Shakespeare“. Buch & Media, München, 701 Seiten; 29,80 Euro.

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