Sushi und Susi

- "Der Ball kommt nie aus der Richtung, aus der man ihn erwartet", schreibt der Münchner Lyriker Albert Ostermaier. Dieser irgendwie weise klingende Satz - wie aus einer Gebrauchsanweisung zum Leben - ist Teil seines Beitrags zur neuesten Internet-Aktion des Münchner Literaturhauses. Auf seiner Homepage dribbeln seit dem Anpfiff der WM neben Ostermaier junge Autoren mit Worten, die sich ums runde Leder und seine Nebenwirkungen drehen.

"Es soll nichts sein, was der allgemeinen Meinung entspricht, sondern den Zustand des Landes widerspiegeln", umreißt Marion Bösker vom Literaturhaus den Grundtenor der Beiträge. "Wortstudio" ist ein Projekt, bei dem sich nicht nur Fachleute der schreibenden Zunft gegenseitig die Bälle zuspielen, sondern auch Laien ihre Erfahrungen und Erlebnisse literarisch verarbeiten sollen - egal ob fußballverrückt oder -verzweifelt. Dieser Anspruch kommt indes noch zu kurz. Lediglich fünf Nicht-Autoren haben laut Bösker bisher ihrer Stimmung im Forum Ausdruck gegeben. Aber das könne sich mit dem steigenden Quecksilberbarometer des Fußballfiebers ja noch ändern. "Da kommt man auch in der Literatur nicht drum herum", befindet Bösker. Spaß am Lesen des Potpourris aus Stegreifprosa, lyrischer Kritik und Erfahrungsberichten hätten dagegen viele. Und um den Spaß geht es derzeit ja ausschließlich, wenn die Welt bei uns Freunden zu Gast ist.

Insgesamt geben 14 Autoren der WM in einem kollektiven Tagebuch literarisches Geleit und damit ein wortreiches Gesicht der etwas anderen Art. Beobachtet wird sie, wo immer sie stattfindet. Bei Yadé´ Kara fachsimpelnd an der Pommesbude zwischen Ketchupflecken und ranzigem Fett, bei Bachmann-Preisträger Thomas Lang als Friesenromantik zwischen Heidschnucken hinterm Deich. Beobachtet wird, wer immer daran teilhat: Spieler, Journalisten, Fans, ein ganzes Land als Gastgeber. "Wir sind der Phönix-Orden im magischsten Turnier der Welt", schreibt Andrea Heuser und wagt die durchaus konsumkritische Anmerkung frei nach Carl Sandburg: "Stell dir vor, es ist Fußball und keiner geht hin." Die Fußball-WM in Deutschland also ein Fest für Freunde, große Oper und Sport in Bestform - oder ein riesiges potemkinsches Dorf des Kommerzes? Ein Jahrhundertereignis, an das wir uns bis ans Lebensende erinnern werden oder - angesichts der Marketingattacken auf allen Kanälen - ein Albtraum, aus dem man erst am 9. Juli wieder erwacht, wie die Autorin Annette Pehnt befürchtet, wenn sie in sanften Sätzen die einsame Welt abseits der 90 Minuten entdeckt und dabei feststellt: "Keiner kennt die Ruhe, die in der Flucht liegt."

Wie oft die Autoren ihre Eindrücke ins Web stellen, überlässt das Literaturhaus laut Bösker "deren Lust und Zeit". Manche, wie Claudia Gabler, dozieren fleißig über Ballacks Wade zwischen Sushi und Susi, andere, wie Yadé´ Kara, scheint der Griff in die Tasten zugunsten von König Fußball eher abzuschrecken. Sicherlich hat Barbara Lehnerer aber recht, wenn sie schreibt: "Vier Sommer-Wochen Fußball lassen sich mit Ignoranz allein nicht durchstehen."

Beiträge schreiben an www.awendlandtliteraturhaus-muenchen.de. Am 7. Juli präsentiert das Literaturhaus ab 20 Uhr die WM-Höhepunkte in einem Mix aus Szenen und Texten.

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