Der Versuch eines Gesprächs

Sven Regener über das neue Album von Element of Crime

München - Sven Regener hat keinen Bock. Keinen Bock auf Fragen, die er andauernd gefragt wird. Da sitzt er im Biergarten des Haidhauser Hofbräukellers und lässt den Blick durch die Kastanien schweifen.

Vermutlich, denn die Sonnenbrille nimmt er gar nicht erst ab, obwohl er im Schatten sitzt. Er lässt schwarzen Tee in sich reinlaufen, er ist verkatert vom vielen Bier am Vorabend. Und jetzt soll er der Presse das neue Album seiner Band Element of Crime vorstellen, wozu er von Berlin nach München geflogen ist, zusammen mit Schlagzeuger Richard Pappik. Sie geben gern gemeinsam Interviews: das Mastermind und sein Hündchen.

Nun sind Element of Crime eine echte Lieblingsband. Regener ist einer der besten deutschen Songpoeten. Und er hat die Romane „Herr Lehmann“ und „Neue Vahr Süd“ geschrieben. Kurz: Regener schafft Lebensgefühl. Zu zauberhaften Versen wie „Finger weg von meiner Paranoia, sie war mir immer lieb und teuer“ sitzt man nach Kneipenschluss am Tresen, igelt sich zuhause ein, braust mit Freunden über die Landstraße oder verpasst – wie Herr Lehmann – den Mauerfall, weil man gerade Liebeskummer hat.

Aber wenn seine Songs seine weiche Schale sind, dann hat Regener einen verdammt harten Kern. Vielleicht ist es Masche à la Bob Dylan, der auf die (blöde) Frage, welche Botschaft er habe, einmal antwortete: „Trinkt keinen harten Schnaps!“ Ähnlich, nur nicht so lässig Regener: Er kontrastiert das wunderbar Melancholische, Lakonische, liebevoll Bissige und Komische in seinen Liedern im Gespräch mit seiner Arroganz und fast dogmatischen Haltung.

Etwa bei der Frage, warum er so ungern seine Verse abdruckt, etwa in CD-Booklets. „Warum sollen die Leute Songtexte lesen?“, grantelt der 48-Jährige. „Die sollen sich die Lieder anhören! Sollen sie auch Drehbücher lesen, statt sich Filme anzusehen? Die Frage ist doch: Wozu ist etwas gemacht?“ Und jemand, der einfach mal eine Zeile nachlesen will? „Kann er doch nachhören! Ich hab’ auch die gesammelten Songtexte von Bob Dylan daheim, und ich hab’ da noch nie reingeguckt.“

Er huldigt ihm trotzdem: „Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen/ Bevor er endlich sagt, er ist dafür/ Die böse Tat des Beinestellens zu unterlassen...“ Ja: Auch das neue Album hat viele Verse zum Freuen. Wieder ist Regener kein Einfall zu schräg, keine Beobachtung zu banal, keine Liebeserklärung an den Alltag zu absurd. Darum ist es schön, dass die Platte keine neuen Wege geht, dass höchstens die Sechsachteltakte folkiger, laut Regener „naturbelassener“ daherkommen. Element of Crime will so sein, wie der Biertrinker sein Bier will – süffig, herb und immer dieselbe Marke.

Ein Vierteljahrhundert gibt es die Band nächstes Jahr – wird das gefeiert? „Ach was, 25 Jahre sind kein Wert an sich. Mir fehlt das Geburtstags-Gen, die Welt ruft nicht nach Jubiläums-Tourneen.“ Dass es halt die Fans freuen würde, die das Vorgängeralbum „Mittelpunkt der Welt“ 100 000 Mal gekauft haben – abgebürstet. „Rockbands“, schimpft Regener, während er schief am Tisch hängt, „die sollten vier, fünf Jahre spielen und dann abtreten. Und nicht weiter die Leute belästigen.“ Das ist seiner eigenen Band ja glänzend gelungen. „Wir“, ätzt er, „sind immer davon ausgegangen, dass es jeden Moment vorbei sein kann. Rock’n’Roll ist kein Gegenstand verkrampfter Karriereplanung. Und man kann auch mit fortschreitendem Alter Stil bewahren.“ Wie Dylan, der sich im Alterswerk herrlich neu erfunden hat? „Künstler sollen nicht andere Künstler beurteilen. Das kann nur ins Auge gehen.“

Die Norddeutschen granteln halt ebenso gern wie die Bayern. Regener könnte sich jedenfalls auch vorstellen, in München zu leben – trotz Versen wie „Was für Cloppenburg Pfanni ist/ Bist du für mich“. „Ich finde, dieses Städte-Vergleichsding wird überschätzt“, sagt er. Von Bremen nach Berlin sei er damals wegen einer Frau gezogen und weil er in eine große Stadt wollte. „Herr Lehmann“ sei auch nicht „der Berlin-Roman“: „Städte sind keine handelnden Subjekte. Es gibt nichts Allgemeingültiges über Städte. Deutschland ist föderal und dezentral, nicht wie Frankreich.“ Spricht’s und schaut in die Kastanien.

Apropos: Die Quote für französische Musik im Radio – befürwortet er das auch in Deutschland? „Nö. Das wäre ja Zensur. Trostlos. Kulturchauvinismus. Es ist erbärmlich, das gesetzlich zu regeln. Wie Thomas Bernhard sagt: kunst- und geistfeindlich. Ich hab’ doch kein Recht darauf, dass meine Musik gespielt wird! Wenn’s nicht reinpasst, dann halt nicht.“ Peng.

Das Bernhard-Zitat fällt noch öfter, auch zu Banalitäten wie der, dass seine Songs „nicht schematisch“ entstünden, „das wäre ja kunstfeindlich“. Allmählich wirkt Regener selbst wie eine Figur aus Bernhard-Romanen, jene monologisierenden Geistesmenschen, die die stumpfe Masse beschimpfen. Sie ist ja lässig, diese Kaltschnäuzigkeit gegenüber allen Erwartungen, diese Rumballerei des Großstadt-Cowboys. Sie ist Rock’n’Roll – man will ja nicht nett sein und will nicht intellektuell seziert werden, wenn man Sachen dichtet wie: „Immer wenn ich Pillen nahm/ Und hinterher beim Fahrradfahr’n/ Im Steintor in die Rillen kam...“ Trotzdem könnte man doch einfach mal eine normale Antwort geben.

Aber ist ja auch wurscht. Solange Regener die Welt nicht in seinen Liedern beschimpft. Sondern sie beobachtet, besingt. Und betört.

Christine Ulrich

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