Symbol für eine aufgeklärte Türkei

- Viele Jahre galt Orhan Pamuk als Autor von historischen Romanen, die mit der türkischen Gegenwart nur wenig zu tun haben. Doch mit seinem neuesten, im Februar erschienenen Werk "Schnee" (Carl Hanser Verlag, München, 513 Seiten, 25, 90 Euro), das die Konfrontation von westlicher und islamischer Kultur thematisiert, hat er die gesamte nationalistische Presse in der Türkei gegen sich aufgebracht.

Als der 53-jährige Schriftsteller Anfang dieses Jahres in einem Interview den türkischen Völkermord an den Armeniern erwähnte, schlug ihm noch mehr Hass entgegen. Ein Politiker forderte sogar, Pamuks Bücher sollten verbrannt werden. Im März 2005 sagte Pamuk deshalb eine Lesereise nach Deutschland ab.Dabei ist der in Istanbul geborene Pamuk, dessen Großvater einer der ersten türkischen Fabrikanten war, in seiner Heimat ein Starautor. Seine Bücher erzielen hohe Auflagen. Vor allem für die jüngere Generation ist Pamuk, der in seiner Heimatstadt studierte und mehrere Jahre in New York lebte, zum Symbol für eine aufgeklärte Türkei geworden."Schnee", 2002 in der Türkei erschienen, ist der erste politische Roman Pamuks. Ein aus dem Exil heimgekehrter Schriftsteller will in der Provinz die Selbstmorde junger Frauen aufklären, die sich wegen des Kopftuchverbots umbringen. Die nordostanatolische Stadt Kars wird mit ihren Figuren - von den revolutionären Islamisten bis zu den enttäuschten Linken - zum türkischen Mikrokosmos. "Mein Roman handelt von den inneren Konflikten heutiger Türken, von den Widersprüchen zwischen Moderne und Islam, von der Sehnsucht, in Europa aufgenommen zu werden - und zugleich der Angst davor", sagt Pamuk.Der Autor, dessen Werke in 34 Sprachen übersetzt sind, ist ein leidenschaftlicher Verfechter der Einbindung der Türkei in die Europäische Union. Nur so könne sich die Türkei zu einem prosperierenden, demokratischen und toleranten Land entwickeln. Inzwischen hat die Krise der EU den Beitritt in weite Ferne rücken lassen. Die Spannungen in dem Land, unter denen einer wie Pamuk besonders leidet, könnten deshalb wieder zunehmen. Von daher hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels mit der diesjährigen Verleihung des Friedenspreises an Pamuk - wie schon 1997 bei Yasar Kemal - großes Gespür für die politische Aktualität bewiesen.

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