Symphonie der Sprachen

- Was macht Günter Grass im indischen Pavillon? Indien, dieser Subkontinent, dieses Land, das dreimal so groß ist wie Europa - Indien ist das Gastland der Frankfurter Buchmesse 2006. In der ersten Etage des Forums stellt sich dieses Land vor. Auf knappem Raum, sozusagen in Stichworten nur will es einen Eindruck vermitteln von jener Vielfalt der Kulturen, die uns dieses Land so faszinierend wie fremd erscheinen lässt. Wie da nun - ein bisschen unpassend - das Porträt von Günter Grass hineinkommt? Er ist in Indien der bekannteste deutsche Gegenwartsautor und wird hier diskutieren mit dem indischen Romancier Amitov Ghosh.

Die Ausstellungshalle wurde von dem bekannten indischen Designer Benoy Sarkar gestaltet. Von den Wänden hängen weiße Banner mit den Porträts und der jeweiligen Kurz-Vita jener indischen Autoren, die in Frankfurt ihren Auftritt haben werden. Viele von ihnen aus Anlass der Buchmesse erstmals ins Deutsche übersetzt und hierzulande veröffentlicht. Auffallend, dass die meisten von ihnen in den 50er-Jahren geboren sind. Zum Beispiel Amitov Ghosh, Joy Goswami oder Namita Gokhale und Sandhya Rao. In welcher Sprache schreiben sie, in welcher Schrift? Indien, das wird dem Besucher hier auf schöne Weise vor Augen geführt, ist eine Symphonie aus Sprache und Schriften. Und so ist es ein kleines Erlebnis, in dieser ästhetisch kühl gehaltenen Schau mit den derzeit 24 Amtssprachen des Landes konfrontiert zu werden. In kleinen Seh- und Hörinseln wird jede einzeln präsentiert.

König Ashokas Inschrift in Fels

In Indien ist die Schrift je nach Epoche und von Landesteil zu Landesteil verschieden. Die Form der heute benutzten indischen Schriften wurde schon 300 v. Chr. festgelegt. Die Buchstaben gleichen geometrischen Figuren, die von Linien begrenzt sind. Großen Einfluss auf die Schrift nahm nach 1200 das arabische Alphabet, was auf das Eindringen der Perser in Indien zurückzuführen ist. Aber mit Abwandlungen. Während die arabische Schrift von rechts nach links verläuft, weil die Perser Anhänger des Mondkultes waren, wird das indische Alphabet von links nach rechts gelesen, denn die Inder beteten die Sonne an. Mindestens dreisprachig wächst heute jedes indische Kind auf: Im Kindergarten lernt es Englisch, im ersten Schuljahr seine Muttersprache und ab der fünften Klasse Hindi, die am meisten genutzte Sprache im Land. Neuerdings kommt vermehrt Sanskrit hinzu, eigentlich eine nur mehr noch literarische und liturgische Sprache, vom bildungsmäßigen Stellenwert aber etwa unserem Latein vergleichbar.

Was sagt uns die Vielzahl der Schriften und Sprachen von Brahmi über Malayalam bis zu Bengali und Kaschmiri? Oder Urdu, eine der Hauptsprachen Indiens, die weltweit an 20. Stelle der meistgesprochenen Sprachen steht? Oder Hindi, das fünf Millionen Inder als ihre Muttersprache betrachten? Es gibt uns eine Ahnung von dem ungeheuren geistigen Reichtum, von der großen Tradition und der enormen kulturellen Klasse dieses Landes, angesichts dessen Europa doch recht klein erscheint. Wenn auch die große Mehrzahl der indischen Autoren heute Englisch schreibt: Wie ein Fels in der Brandung der Kulturen stehen in der Mitte der Ausstellung die Kopien dreier Felsplatten -König Ashokas erste Steininschrift, das Felsenedikt von Girnar, geschrieben in der Brahmi-Schrift, der Vorläuferin fast aller indischen Schriften, 500 Jahre vor Christus.

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