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An geweihtem Opern-Ort: Chefdirigent Mariss Jansons nimmt in der Mailänder Scala Standing Ovations entgegen.

Europatournee

Die Klangpfadfinder vom BR-Symphonieorchester

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Amsterdam/ Breslau/ Kattowitz/ Luxemburg/ Mailand - Ein solches akustisches Wechselbad hat das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks selten erlebt. Mit voller Absicht: Auf der Europatournee sollten Erfahrungen für den eigenen neuen Konzertsaal gesammelt werden.

Reden wir übers Wetter. Obwohl: lieber nicht. Nur einen Nachmittag lang zeigte sich in Luxemburg scheu die Sonne durch einen Wolkenschleier, aber sonst: Dauerregen, ausgerechnet in Mailand, andernorts dazu Wind, Kälte, am Schluss in Amsterdam leichter Schneefall. Depressiv könnte man werden, wohl noch nie habe man eine solche Reise erlebt, stöhnen Musiker. Und doch ist da dieses andere Tourneeklima. Ein Dauer-Hoch, ein Stimmungsaufheller der besonderen Art. Ob Breslau, Kattowitz oder Luxemburg: Kaum verlassen die Instrumentalisten die Bühne, heißt es: „Und die Akustik?“ Ein Überfall mit Fragen, sogar Mitreisende werden davon nicht verschont.

So politisiert im positiven Sinne hat man das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks auf einer Reise nämlich noch nicht erlebt. Alles Absicht: Nach Besuchen in Wien, Paris, Breslau, Kattowitz, Mailand, Luxemburg und Amsterdam sollen die Erfahrungen in den geplanten Münchner Konzertsaal einfließen (wir berichteten). Und dann, beim Finale in Amsterdam, passiert es, da fegt der 1888 eröffnete Concertgebouw alle diese schicken, akustisch mühsam ertüftelten Saaljungspunde mit einer kurzen Geste weg. Was für ein Klang, hochkalorisch und differenziert, was für eine großzügige, gediegene Atmosphäre, was für ein Erlebnis.

„Blech und Schlagzeug sehr vorsichtig!“, mahnt Mariss Jansons. „Und Streicher immer mit viel Qualität auch im Forte!“ So viel wie in Amsterdam hat der Chefdirigent auf dieser Tournee nie gepuzzelt. Es ist eine Art Heimkehr. Bis Sommer 2015 leitete er das Concertgebouw-Orkest, da will er sein einzig verbliebenes Musikkind aus München im Festtagsgewand vorführen. Auf einer Position mischen die Amsterdamer sogar mit in diesem Konzert. Als ein BR-Posaunist ausfällt, sitzt ein niederländischer Kollege in den weißblauen Reihen. Großes Hallo, Daumen hoch, später in der Dirigentengarderobe, vor der sich wie üblich die Gratulanten stauen, eine Umarmung des Maestros.

Hoher Favorit im Orchester ist der Breslauer Saal

Architektur als Piazza-Andeutung: Das BR-Symphonieorchester spielt sich in der Luxemburger Philharmonie warm.

Wie schon in Breslau und Kattowitz werden Vladimir Sommers „Antigone“-Ouvertüre, Mahlers „Kindertotenlieder“ mit Mezzosopranistin Janina Baechle und Rachmaninows „Symphonische Tänze“ gespielt. Das Verblüffende: Dem Hörer begegnen drei klanglich verschiedene Versionen. Im seit 2014 genutzten Kattowitzer Saal legt die Akustik von Yasuhisa Toyota das Seziermesser an. Die Architektur, eine Schuhschachtel mit Weinberg-Elementen, lässt vielen ein „Wow!“ entfahren, die Farbgebung zwischen Schwarz (Polens ungebrochenes Kohle-Vertrauen) und Omas Musiktruhenbraun drückt dann doch irgendwann aufs Gemüt. Breslau, ein strengeres Rechteck, ist lichter, unprätentiöser, polstert die Trennschärfe ab. Und gegen den Amsterdamer Luxusklang kommt ohnehin nichts an. Nach eineinhalb Wochen Reise ist das Orchester gespalten. Ja klar, in Kattowitz spiele es sich leicht, da funktioniere die Kommunikation auf der Bühne bestens. Und doch gibt es sehr viele, die sich nach der Breslauer Milde zurücksehnen.

Ein weiterer moderner, schon 2005 eröffneter Saal, fällt dabei fast hinten runter. Es ist die Philharmonie in Luxemburg. Ein großes, helles Foyer mit sanften Farbeffekten (die nachts nach draußen leuchten), ein geometrisch verspielter Kammermusikraum, Garderoben und Ladebereich sehr funktional, dazu ein großer Saal mit 1400 Plätzen, in dem Logenfassaden die Atmosphäre einer Piazza erzeugen: Architekt Christian de Portzamparc ist da ziemlich viel gelungen, dem Akustiker Albert Yaying Xu übrigens auch. Vor allem aber wird es hier sehr nostalgisch. Stephan Gehmacher, seit Herbst 2013 Intendant der Philharmonie, war früher Manager der BR-Symphoniker. Am Flughafen steht er lächelnd und gewohnt aufgekratzt im Abholbereich, begrüßt jeden mit Handschlag, später bei der kurzen Rede vor der Probe bedankt er sich dafür, dass Mariss Jansons und das Ensemble mit Mahlers neunter Symphonie gastieren. Die lächelnden Gesichter signalisieren: Da wird einer ziemlich vermisst.

Die Verantwortlichen im Freistaat werden nun informiert

Klanglich ist der Mahler wie eine Befreiung nach dem Konzert in der Mailänder Scala tags zuvor. Luxemburg gibt den großen Momenten (nachdem sich alle klanglich justiert haben) Raum. Details werden nicht aufgedrängt, sondern eingebettet. In der Scala war das anders. Gut, eine Theaterakustik. Aber wenn den Instrumentalisten jeder Ton vor die Füße fällt, muss sehr viel gearbeitet und dazugegeben werden, damit bissige Expressivität und weite Phrasenbögen nicht vertrocknen. Die Weihe des Ortes, der Weltabschiedscharakter des Stücks machen den Scala-Termin dennoch zum sehr bewegenden Konzert.

Was für eine Atmosphäre: Zum Finale gab es Mahlers neunte Symphonie im Amsterdamer Concertgebouw.

Auch in Luxemburg müssen einige schlucken: Wer weiß, wann man mit Jansons dieses vielsagende, bilanzierende Opus magnum wieder spielt? Auch der hält in Luxemburg lange inne, bevor er mit plötzlich nachlassender Körperspannung den Weg freigibt für die Ovationen. Sein jungenhaftes Grinsen beim Applaus mag nicht ganz zum morbiden Koloss zuvor passen. Ein Musiker hat hinter der Bühne eine gar nicht despektierliche, liebevoll gemeinte Erklärung parat: „Manchmal freut er sich, als ob er ein riesiges Lego-Haus gebaut hat.“

Und jetzt? Werden alle Erkenntnisse dieser Klanglehrzeit gesammelt, die Entscheidungsträger beim Freistaat dürften einiges zu hören und zu lesen bekommen. Es ist ja nicht nur die Akustik, die den Münchner Saal Weltklasse machen soll. So vieles gibt es zu bedenken bis hin zur Anzahl und Positionierung der Aufenthaltsräume. „Es ist so, als ob man sich mit einem Planer für die Küche daheim zusammensetzt“, fasst es Orchestermanager Nikolaus Pont zusammen, mutmaßlich nach sehr frischen Erfahrungen. „Der stellt Fragen, auf die man nie gekommen wäre.“

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