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Yannick Nézet-Séguin ist Dauergast beim BR-Symphonieorchester und heißer Favorit.

SYMPHONIEORCHESTER DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS

Nach dem Tod von Mariss Jansons: Thronfolger gesucht

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Für das BR-Symphonieorchester ist der Tod von Mariss Jansons aus mehreren Gründen der GAU. Wer kann und soll ihn beerben?

München - Als ob es so einfach wäre. Als ob sich nach dem Tod von Mariss Jansons beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein Thronfolger aufdrängen würde. Für das Ensemble ist die derzeitige Situation der GAU. Die mit Jansons geplanten Konzerte müssen dringend umbesetzt werden, und dies auch für die folgenden Spielzeiten. Gleichzeitig sucht das Management händeringend nach Ersatzlösungen für die schon vereinbarten Tourneen – ein Klangkörper dieser Güte ist schließlich darauf angewiesen, sich regelmäßig in Übersee oder Asien blicken zu lassen.

Hinzu kommt: Der Markt ist, was mögliche Thronfolger betrifft, so gut wie leer gefegt. Entweder haben sich die Szene-Promis gerade an ein Orchester gebunden – oder sie kommen für den BR nicht infrage. Das Ensemble steht demnach an der klassischen Weggabelung. Möglich wäre der Aufbruch ins Unbekannte, die Verpflichtung eines Dirigenten oder einer Dirigentin aus der zweiten bis dritten Reihe, unverbraucht, innovativ, mit guter Perspektive. Verführerisch wäre das und doch riskant – weil man nicht weiß, wie sich mit dieser Lösung auf dem internationalen Markt bestehen lässt, wie das Publikum reagiert und letztlich auch das Orchester mit seinen mehr als stolzen, selbstbewussten Musikern.

Einer erfüllt alle Voraussetzungen

Zudem würde eine solche Lösung der Tradition des BR-Symphonieorchesters widersprechen. Seit der Gründung im Jahre 1949 versteht man sich als First-Class-Klangkörper. Längst agiert dieser auf Augenhöhe etwa mit der philharmonischen Konkurrenz in Berlin und Wien. Der künftige Münchner Chefdirigent sollte sich also bereits einen Namen gemacht haben und über entsprechende Autorität verfügen – was nichts mit hohlem Star-Getöse zu tun hat.

Es gibt tatsächlich einen Musiker, der verblüffend viele Voraussetzungen für den Münchner Posten mitbringt: Prominenz, die Lust auf Innovation und Neubefragung der Tradition, das – ob Bach, Mozart, Bruckner oder Schostakowitsch – stilistisch Polyglotte und nicht zuletzt die virtuose Bedienung aktueller Vermittlungsformate bis hin zu den Sozialen Netzwerken. Es handelt sich um Yannick Nézet-Séguin. Erst im vergangenen Sommer ist er auf einer BR-Tournee für Jansons eingesprungen. Der 44-Jährige ist Dauergast in München und, das hört man aus dem Orchester heraus, ein enorm beliebte Motivator und damit hoher Favorit.

Das Problem nur: Der Kanadier ist – noch – zu viel beschäftigt. Seit dieser Spielzeit ist Nézet-Séguin Musikdirektor der New Yorker Metropolitan Opera, mit dem Orchestre Métropolitain seiner Heimatstadt Montréal verbindet ihn sogar eine Vereinbarung mit Open End, zusätzlich gilt sein Vertrag beim Philadelphia Orchestra bis zur Saison 2025/26. Mindestens einen Posten, das wäre wohl der in Philadelphia, müsste Nézet-Séguin also abgeben. Ansonsten wäre ein Spagat zwischen Alter und Neuer Welt für ihn und die Münchner durchaus akzeptabel.

Simon Rattle als Interimslösung?

Bis dahin wäre das BR-Symphonieorchester auf eine Zwischenphase angewiesen. Hier gibt es zwei Varianten. Entweder das Ensemble wagt eine Zeit ohne Chef, das wurde bei vergleichbaren Orchestern auch andernorts erfolgreich praktiziert. Oder man sucht nach einer Interimslösung. Dafür würde sich Sir Simon Rattle anbieten. Auch der Brite ist beim BR-Ensemble äußerst beliebt, dort regelmäßig zu Gast (wieder Ende Januar) und wäre eine starke Identifikationsfigur für Musiker und Publikum.

Der frühere Leiter der Berliner Philharmoniker steht seit 2017 an der Spitze des London Symphony Orchestra, seinen Terminkalender könnte der 64-Jährige durchaus mit dem der Münchner abstimmen. Zeit und Lust auf eine große Aufgabe in München hätte sicher Daniel Harding. Der 44-jährige Brite und ehemalige Senkrechtstarter braucht dringend einen prestigeträchtigen Posten, gönnt sich gerade ein Sabbatical, ist in den vergangenen Monaten mehrfach für Jansons eingesprungen und war mit dem BR zum Beispiel schon einmal auf großer Asien-Tournee. Ob Harding, zurzeit Chef des Swedish Symphony Orchestra, allerdings das Format für das Münchner Amt mitbringt, bezweifeln viele. Er ist geschätzt, aber nicht unbedingt „papabile“.

Ein Ensemble unter enormem Spardruck

Das BR-Symphonieorchester braucht einen starken, durchsetzungsfähigen Künstler auch aus einem kulturpolitischen Grund. Das betrifft den Kampf um das neue Konzerthaus, dies hat Mariss Jansons über eineinhalb Jahrzehnte lang vorgelebt. Das betrifft aber auch die Situation des Senders. Der Bayerische Rundfunk steht bekanntlich unter einem immensen Spardruck. Keine Abteilung ist davon ausgenommen. Unter einigen Mitarbeitern und Führungsfiguren ist die Ausstattung und der Status des BR-Symphonieorchesters daher umstritten. Und keiner kann garantieren, dass nicht wieder eine Fusionsdebatte aufflammt wie 2005, als das zweite Orchester des Senders, das Münchner Rundfunkorchester, abgewickelt werden sollte. Der SWR hat eine solche Vereinigung hinter sich und mit der Verpflichtung des hoch gehandelten Teodor Currentzis als Chefdirigent die Wogen geglättet. Eine Entwicklung, die einige als Modellfall begreifen. Dass das SWR-Ensemble in einer anderen Liga als die Münchner spielen, wird bei manchem Entscheidungsträger dabei außer Acht gelassen.

Hinzu kommt, dass beim BR-Symphonieorchester intern manches ins Straucheln geraten ist. Eine heikle Entwicklung, die für die schnelle Verpflichtung eines starken Interimsdirigenten spricht. Oder für eine cheflose Zwischenphase, in der möglichst bald der Name des Künftigen feststeht. Was bedeutet: Das Elite-Ensemble braucht nicht nur eine musikalische Perspektive – sondern auch einen Schutzschild.

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