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Ein an der Donau hingebungsvoll verehrter Dreiviertelwiener: Mariss Jansons beim Schlussapplaus im Musikverein.

EUROPAREISE

BR-Tournee mit Mariss Jansons: Ein kleines Comeback

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Die vergangene Tournee mit seinem BR-Symphonieorchester musste Mariss Jansons absagen, jetzt ist er wieder da - beim umjubelten Gastspiel in „seinem“ Wien.

Wien - Stehplatzkarten wären eine gute Idee. Weniger für diejenigen, die nach Fallen der Absperrkordel die Treppe zum Goldenen Saal hochstürmen ins sitzlose hintere Parterre. Eher für die After-Show-Fans. Adabeis, Halb- und Ganzpromis plus eine Reihe gnädig vorgelassener Autogrammjäger, die das Dirigentenzimmer im Musikverein belagern. Bei Mariss Jansons ist die Schlange besonders lang. Helga Rabl-Stadler, Präsidentin der Salzburger Festspiele, und Markus Hinterhäuser, der neben ihr stets söhnchenhaft wirkende Intendant, stellen sich dieses Mal an, auch Ioan Holender, Ex-Opernchef in Wien und inzwischen Hobby-Moderator bei Servus TV.

Ein halber bis Dreiviertel-Wiener ist Jansons ohnehin. Studium an der Donau, drei Neujahrskonzerte, eine erkleckliche Anzahl hingebungsvoller Verehrerinnen und regelmäßige Gastspiele, das würde locker für eine Einbürgerung reichen. Wie in jeder Saison schaut er mit seinem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vorbei. Zwei Konzerte im prachtvollen Saal markieren den Auftakt einer Europatournee. Wien, Budapest, Luxemburg, Amsterdam und Paris, kreuz und quer über den Kontinent geht es. Dieses Mal sogar mit vorbildlichem ökologischen Fußabdruck: Geflogen wird nur zwischen Budapest und Luxemburg sowie von Paris zurück nach München. Ansonsten reist man per Zug und Bus.

Konzerte seit Monaten ausverkauft

Für Jansons ist es zugleich ein kleines Comeback. In München hat er zwar seit Jahreswechsel einige Konzerte dirigiert. Doch bekanntlich musste der jetzt 76-Jährige zuvor monatelang pausieren. Eine gefährliche Virusinfektion. Die große Asien-Tournee mit dem BR-Orchester sagte er ab, was dem Arbeitsbesessenen extrem zuwider war. Ausgerechnet Zubin Mehta sprang ein, der Genesene, Wiederauferstandene – vor einem Jahr hatte er engste Freunde zu sich gebeten, um Abschied zu nehmen. „Legendär gut“ seien seine Dirigate in  Asien gewesen, wird im Orchester geschwärmt. Doch nun ist Jansons da und wieder auf dem Damm. Was sich etwa daran zeigt, dass  er in der Wiener Anspielprobe bei einem Hit wie Dvořáks Symphonie „Aus der Neuen Welt“ ins Puzzeln gerät. Immer wieder lässt er die leise Eingangspassage wiederholen. Auch eine kleine Demonstration ist dies: Soll ja keiner glauben, der Chef sei milde geworden und lasse seine Truppe cool durch die Neunte dribbeln.

Seit Monaten sind die beiden Wiener Konzerte ausverkauft. Warum Jansons dort so beliebt ist? „Weil er einfach gut ist“, sagt Thomas Angyan mit feinem Lächeln. Bis 2020 ist er noch Intendant des Musikvereins, außerdem mit dem Ehepaar Jansons seit Langem bekannt. Die Ehrlichkeit, die dieser Dirigent ausstrahle, die entwaffnende Redlichkeit, das allürenfreie Auftreten, all das komme beim Wiener Publikum bestens an, analysiert Angyan.

Ungewöhnliches Tournee-Programm mit Orgel

Doch ein mittelgroßes Problem bergen die häufigen Besuche von Jansons in diesem Saal: Sehr viel hat man schon von ihm gehört. Die Dvořák-Symphonie und Strawinskys „Le sacre du printemps“ im ersten Programm ist daher eher Standardkost. Nicht dagegen die Kombination, die am häufigsten auf dieser Tournee gespielt wird und auch in München zu hören war: „Le carnaval romain“ von Hector Berlioz, das Orgelkonzert von Francis Poulenc und die dritte Symphonie von Camille Saint-Saëns, die „Orgelsymphonie“.

Mitgereist ist dafür Ivetka Apkalna. Die Lettin ist Titularorganistin der Hamburger Elbphilharmonie und hat im Musikverein Stunden mit dem Einregistrieren der Orgel verbracht. Der Gasteig-Schock ist bei allen Beteiligten mittlerweile verwunden. Das dortige Instrument war defekt und nach Reparatur nur eine Durchlaufprobe möglich. „Keilriemen gerissen“, wie es ein Musiker für Laien ausdrückt. In Wien läuft alles wunderbar, mehr noch: Der weiche Klang der Musikvereins-Orgel mischt sich aufs Schönste mit dem des Orchesters. Dagegen sei das Münchner Instrument, so ätzt einer, doch „ein ordinärer Halleluja-Vergaser“. Das Symphonie-Finale in Wien tönt also nicht nach Popanz, sondern nach kraftvoller, farbsatter Struktur. Das von Jansons geliebte Boccherini-Menuett danach ist ein bizarres Kontrastmittel und sorgt für Lacher im Publikum. Vielleicht ließe sich an der Zugabenwahl etwas arbeiten.

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