Großalarm in Hamburg nach Explosion an S-Bahnhof

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Japanische Klassikfreunde sind anders. Begeisterung für die BR-Symphoniker unter Mariss Jansons in Kurashiki.

Reisetagebuch / Teil 1

Die Gefühle müssen raus

Kurashiki -Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wird bei seinem Tourneestart in Japan gefeiert.

Eine Bravo-Salve? Mehr noch: Ein Schrei. Aus vielen Kehlen, der nicht nur Zustimmung verheißt, sondern vor allem Anspannung löst. Japanische Klassikfans sind anders. Kommen mit Mundschutz ins Konzert (eigene Erkältung! Erkältungsgefahr!), rascheln bis kurz vor der ersten Note, sodass sich Mariss Jansons vorwurfsvoll zur Seite drehen muss, fallen während des Stücks in eine Art Schockstarre und müssen, wie im Kurashiki City Auditorium, am Ende eben alles rauslassen.

Ein phonstark gefeierter Tourneeauftakt also – und für Jansons und sein Symphonie-orchester des Bayerischen Rundfunks ein hier fast schon gewohnter Erfolg. Für acht Konzerte weilt man derzeit in Japan, tourt in mehreren Etappen durch die „Provinz“ (womit Mehr-Millionen-Städte gemeint sind), bevor in Tokios legendärer Suntory Hall Station gemacht wird. Für viele ist es wie Heimkommen: Etwa alle zwei Jahre reisen die BR-Musiker – wie ihre Kollegen von den Berliner oder Wiener Philharmonikern – nach Fernost.

Jansons selbst ist, bedingt durch seine Doppeltätigkeit auch am Pult des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters geradezu ständig auf den Inseln. Und es gibt Japan-Veteranen wie Florian Sonnleitner, einer der drei Konzertmeister, der bereits vor 37 Jahren das erste Mal hier spielte. Damals, als 19-Jähriger, noch mit den Münchner Philharmonikern und im Rahmen einer Partneraktion mit Sapporo, der zweiten Olympiastadt von 1972. Von der „totalen Versenkung, die von totaler Begeisterung abgelöst wird“, schwärmt auch er.

West-Ensembles stehen in Japan traditionell hoch im Kurs. Fast alle Konzerte des BR-Symphonieorchesters sind schon vor Tourneestart ausverkauft. Und das trotz sehr beachtlicher Preise: Bis umgerechnet rund 245 Euro kosten die Tickets, die Rockgruppe AC/DC ist für maximal 84 Euro zu haben, Juliette Greco für 63 Euro.

Ausverkauft meldet auch die erste Station Kurashiki, das eine halbe Stunde mit dem Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen und weiteren 50 Busminuten vom Hotel-Quartier in Kobe entfernt liegt. Der Saal liegt in einem Vorstadt-ähnlichen Siedlungsbrei und ist gewöhnungsbedürftig. Rotes Lino-leum, Sitze und Wandklinker in zwei Grüntönen, die Decke in Holz, ein Spot ist auf ein Blumenarrangement an der Bühnenseite gerichtet: Wer Retro-Schick mag, ist bestens aufgehoben.

Die Akustik ist heikel, begünstigt die Bläser, die Streicher tun sich gegen die Übermacht schwer. „In solchen Sälen bitte vibrieren sie“, empfiehlt Jansons in der Anspielprobe. Solistin Midori hat das nicht gehört. Beethovens Violinkonzert inszeniert sie kunstvoll und etwas zu demonstrativ, geht bis an die Grenze zur Hörbarkeit und zum Stillstand. Dennoch Ovationen. Ebenso für Tschaikowskys fünfte Symphonie, in der Jansons eine konkurrenzlose Demonstration liefert: Genau so lassen sich Emotion, Detailwissen, Klangbewusstsein und spannungsvolles Drängen in Einklang bringen.

Nur wenige Stunden liegen zwischen dem Auftaktkonzert und der gestrigen Station zwei, das Hyogo Performing Arts Center in Nishinomiya. Eine Busfahrt zum Nachmittagskonzert in einem zumindest innen geschmackvollen Multifunktionsbau: Neben Konzerten wird hier auch Oper gespielt. Langsam ist beim größten Teil der Besetzung der Jetlag verflogen. Die zusätzlichen Bläser und Schlagwerker für die Wagner-Werke sind inzwischen in Japan eingetroffen und müssen sich ständig Ermahnungen von Mariss Jansons anhören: „Bitte vorsichtig!“ oder „Nicht zu bombastisch!“ Ein Klang wie unter dem Vergrößerungsglas. Der „Walkürenritt“, „Siegfrieds Rheinfahrt“ oder die „Tannhäuser“-Ouvertüre werden zur Filigranarbeit – bei Wagner ein ungewohnter, wohltuender Eindruck.

Nach Nishinomiya reiste das BR-Symphonieorchester gestern Abend weiter ins südliche Fukuoka, genau eine Woche wird man danach in Tokio verbringen, um von dort aus auch einen Abstecher in den Wundersaal von Kawasaki zu unternehmen. Naturgemäß ein aufwändiges Unterfangen, verbunden mit einer hoch komplizierten Logistik, die dafür sorgen muss, dass nicht nur die Musiker, sondern auch die Instrumentenkisten zur rechten Zeit am richtigen Ort sind.

Und warum der ganze Aufwand? „Grundsätzlich lebt die Musik davon, dass man sie nicht nur daheim ausübt“, sagt dazu etwa Orchestermanager Stephan Gehmacher und ergänzt: „Außerdem: Wer an der Sitze mitspielen will, muss reisen. Es nützt nichts, zu Hause weltberühmt zu sein.“

von Markus Thiel

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