Synagoge wird Gaskammer

- Eine Synagoge bei Köln ist am Sonntag im Rahmen einer Kunstaktion zur "Gaskammer" geworden. Santiago Sierra leitete Abgase aus den Auspuffrohren von sechs Autos in das frühere jüdische Bethaus von Pulheim-Stommeln. Mit seiner Arbeit wolle er "gegen die Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust" angehen, erklärte der 39-Jährige in einer schriftlichen Stellungnahme zu Beginn seines Projektes "245 Kubikmeter".

Besucher können mit einer Atemschutzmaske und in Begleitung eines Feuerwehrmannes einzeln und für wenige Minuten in den Synagogenraum. Die Aktion soll an jedem Sonntag - außer Ostersonntag (16.4.) - bis 30. April erneut stattfinden.

Mit zahlreichen drastischen Aktionen, die sich gegen Rassismus und Ausbeutung wandten, hat sich der aus Madrid stammende und in Mexico City lebende Künstler bereits einen Namen gemacht. So tätowierte er jungen Arbeitslosen eine lange Linie auf den Rücken, färbte die Haare von Afrikanern blond, um sie zu "Europäern" zu machen, oder mauerte auf der Biennale von Venedig den spanischen Pavillon zu, den nur Spanier nach Vorlage ihres Passes betreten durften.

Mit seinem Werk in der seit 80 Jahren nicht mehr als Bethaus genutzten Synagoge wolle er auch eine Arbeit "über den industrialisierten und institutionalisierten Tod, von dem die europäischen Völker auf der Welt lebten und immer noch leben", vorlegen. Als "Beleidigung der Opfer" kritisierte der Zentralrat der Juden in Berlin die Aktion. Auch Künstler Bernhard Johannes Blume meinte: "Um an die Gaskammern erinnert zu werden, brauche ich so ein symbolisches Spektakel nicht!" Die Synagoge, die das NS-Regime als Stall überstanden hat, ist seit 1991 Schauplatz hochkarätiger Kunst-Ereignisse.

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