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Die atemberaubenden Shows von Jean-Michel Jarre waren oft besser als seine Alben – bis jetzt.

CD-Kritik

Jean-Michel Jarre meldet sich zurück

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München - Der Synthesizer-Guru Jean-Michel Jarre legt mit „Electronica 1: The Time Machine“ die beste CD seit langem vor. Hier unsere Kritik.

Kleine, überschaubare Projekte sind nicht die Sache von Jean-Michel Jarre. Monsieur kann nur groß. Und das seit fast 40 Jahren. Der französische Synthesizer-Guru („Oxygène“) trat 1981 als erster westlicher Musiker in China auf und begrüßte das neue Jahrtausend vor den Pyramiden von Gizeh. 1986 in Lyon hörte ihm Papst Johannes Paul II. zu, und 1997 in Moskau spielte er vor 3,5 Millionen Menschen. Das Große, das Kühne, das Unerhörte, bleibt der ewige Traum des Jean-Michel Jarre. Mit seinem neuen Album „Electronica 1: The Time Machine“ hat der 67-Jährige wieder eine seiner Visionen verwirklicht. Und überrascht dabei mit seiner besten Platte seit Jahrzehnten.

Musikalisch hatte man nämlich nicht mehr viel von ihm erwartet. Jarres Konzerte, aufgedonnert mit viel Remmidemmi, mit atemberaubenden Lichtshows und Laser-Instrumenten, waren bereits seit den Achtzigern spannender als seine Platten, auf denen die Synthies oft genug belanglos vor sich hin flirrten. Bisweilen, mon dieu, war der Weg zum Elektronik-Clayderman nicht mehr weit. Und das bei einem Mann, der 1976 mit „Oxygène“ den Synthiepop mit erfand. Sphärische Klänge, Raumschiffsounds, verbunden mit einem unverschämten Gespür für Melodien. „Oxygène“ und der 78er-Nachfolger „Equinoxe“ waren die Meilensteine, auf denen der Sohn von Hollywood-Komponist Maurice Jarre seine Klangkathedralen baute.

Nun, mit 67, könnte sich Jean-Michel Jarre in Ruhe um seinen atemberaubenden Maschinenpark von analogen und digitalen Synthesizern kümmern, die er im Laufe der Zeit angehäuft hat. Oder um die Damen, denen der immer noch blendend aussehende „Homme à femmes“ zeitlebens überaus zugeneigt war. Mit Schauspielerin Charlotte Rampling war er verheiratet, mit Kollegin Isabelle Adjani verlobt.

Jarre nahm Kontakt zu 30 anderen Künstlern auf

Doch auf seine älteren Tage hat den Pionier noch einmal der Ehrgeiz gepackt. 2012 nahm er Kontakt mit 30 Künstlern auf, „mit denen ich mich ästhetisch verbunden fühle“ – überwiegend mit Musikern, aber auch mit den Regisseuren David Lynch und John Carpenter. Das Ziel: mit jedem einen Song zu produzieren, der nach dem jeweiligen Künstler klingt, aber auch nach Jarre. Angefragt waren Veteranen wie Who-Gitarrist Pete Townsend, Vince Clarke, Moby, Gary Newman, Massive Attack und Tangerine Dream, aber auch aktuelle Stars wie Air, Little Boots, Boys Noize, der französische Top-DJ Gesaffelstein und Pianist Lang Lang. Schlussendlich stand Jarre vor einem Luxusproblem: „Alle sagten zu. Deshalb musste ich das Projekt zweiteilen. Das erste Album ist jetzt erschienen, das zweite kommt im April 2016.“

Jean-Michel Jarre reiste drei Jahre lang um die Welt, nahm jedes Stück mit den Musikern persönlich auf – und nicht, wie heute üblich, via Internet. Denn: „Gemeinsam in einem Raum zu arbeiten, macht einen großen Unterschied, anstatt sich Dateien hin und her zu schicken.“

Der Aufwand hat sich gelohnt. Jede einzelne Begegnung fasziniert. Mit Pete Townsend hat Jarre den furiosen Elektrorocker „Travelator Pt. 2“ ausgeheckt, mit Little Boots den überaus charttauglichen Popsong „If..!“,und mit Tangerine Dream das sphärische „Zero Gravity“, das deutsche und französische Elektronik unter einen Hut bringt. Für Lang Langs „The Train & The River“ ersann Jarre nur kleine Skizzen – aus denen der Chinese spannende Jazz-Improvisationen macht. Und über allem schweben Jarres warme Synthesizer. Als Andenken ließ sich der Maître übrigens von jedem der Beteiligten die Fingerabdrücke geben – die er nun auf zwei mal zwei Meter vergrößert. Wie gesagt, Jean-Michel Jarre kann nicht klein.

 

Jean-Michel Jarre:

„Electronica 1: The Time Machine“ (Columbia).

 

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