Ein System ohne Mission

- Für sein Buch "Die Quellen des Holocaust" (S. Fischer Verlag, 22,90 Euro) erhält Raul Hilberg heute in München den Geschwister-Scholl-Preis. In ihrer Begründung hebt die Jury vor allem dessen "nonkonformistische Strenge" hervor. Hilberg beschreibt in der Studie seinen Umgang mit den historischen Zeugnissen, vor allem mit den Amtsakten der NS-Zeit. Sie bilden die Grundlage seines dreibändigen Standardwerkes "Die Vernichtung der europäischen Juden". Hilberg wurde 1926 in Wien geboren und studierte zunächst bei dem ebenfalls emigrierten Politologen Franz Neumann. Seit 1948 arbeitet er an der Erforschung des Holocaust.

<P>Sie sind eigentlich Politologe. Wie wurden Sie zum Historiker des Völkermordes an den Juden?</P><P>Hilberg: Alle, die sich in den ersten Jahren nach 1945 mit dem Nationalsozialismus beschäftigten, waren Politologen. Das war ja noch fast Gegenwart! Es war nicht sicher, ob sich der Holocaust wiederholen kann.</P><P>Die Historiker befassten sich damit nicht?</P><P>Hilberg: Nein, allenfalls mit dem Zusammenbruch der Weimarer Demokratie. Sie meinten, um etwas historisch erklären zu können, brauche man zeitliche Distanz. Politologen haben diesen Luxus nicht, wir beschreiben die Gegenwart. Mein Lehrer Franz Neumann hatte mit seinem Buch "Behemoth", der ersten großen Studie über den NS-Staat, die noch während des Krieges entstand, meinen Blick vor allem für innerstaatliche Prozesse und für Strukturelemente geschärft.</P><P>Was ist das Besondere an den NS-Amtsakten?</P><P>Hilberg: Die Sprache. Ich musste zuerst überhaupt verstehen, wie sich ein Bericht, ein Amtsbrief, ein Befehl zusammensetzte. Man darf die Akten nicht mit der Geschichte selbst verwechseln. Das ist eine modellhafte Sprache, die gerade bei diesem Thema in einem bestimmten Stil geschrieben wurde: Wie äußert man sich in bürokratischer Sprache über Massenmord? Alles ist verklausuliert, man findet es in den Akten nur indirekt.</P><P>Wie würden Sie die NS-Herrschaft charakterisieren?</P><P>Hilberg: Man sagt sich immer: Der Plan kommt vor der Tat. Das war hier nicht so. Vieles war unpräzise, etwa die Finanzierung der Judenmorde. Der SS-Obergruppenführer Wolff hat es so ausgedrückt: "Zuständig ist der, der etwas macht."</P><P>Was heißt das? Ist das Pragmatismus, Handeln aus der Situation heraus - oder einfach irrational?</P><P>Hilberg: Nein, nicht irrational. Aber ich fand es bemerkenswert, dass viele Täter selber nicht erklären konnten, warum sie etwas gemacht hatten. Das ist einzigartig. Es gab keinen Marx des Nationalsozialismus! Hier war ein System, dass keine "Mission" hatte. Es war, um es mit Nietzsche zu sagen, "jenseits von Gut und Böse", jenseits von rational und irrational. Das macht es so schwer. Man kann hier etwas begreifen, aber nicht wirklich verstehen.</P><P>Heute kommt es zunehmend zu einer Instrumentalisierung des Holocaust. Politisches Handeln, auch Kriege werden damit begründet, es gelte einen neuen Holocaust zu verhindern . . .</P><P>Hilberg: Das finde ich sehr schlimm. Ich bin nicht sentimental und glaube an keinen Gott, sonst würde ich sagen, dass dies eine unerlaubte Ausbeutung ist. Aber natürlich: Jede Vergangenheit wird von den Lebenden instrumentalisiert. Man sollte mit dem Begriff des "Genozid" sehr vorsichtig sein. Wenn man Leute vertreibt wie im Kosovo, ist es schlimm, aber nicht dasselbe, wie sie massenweise zu töten.</P><P>Wenn Sie sich Ihre Anfänge ins Gedächtnis rufen: Was hat sich geändert?</P><P>Hilberg: Ich war ziemlich allein. Das ist heute glücklicherweise nicht mehr der Fall.</P><P><BR> </P>

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