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Anfang der Neunzigerjahre entstand in Arizona die Biosphere 2 - davon ließ sich T. C. Boyle für seinen Roman inspirieren. 

T. C. Boyles neuer Roman „Die Terranauten“

Im „Dschungelcamp“ der Wissenschaft

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München - „Die Terranauten“, der neue Roman von T. C. Boyle, basiert auf einem Experiment aus den Neunzigerjahren. Für zwei Jahre schickt der US-Autor acht Menschen in ein abgeschlossenes Ökosystem unter einer Glaskuppel. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Ob verhauene Prüfung, versalzenes Essen oder der falsche Lebenspartner – beim nächsten Mal wird alles besser. Versprochen. Der Traum von der zweiten Chance dürfte so alt sein wie die Menschheit, und T. C. Boyle drückt in seinem neuen Roman nun gleich für die ganze Erde auf die „Reset“-Taste. Heute Abend stellt der US-Schriftsteller „Die Terranauten“ in München vor. Basis für seine literarische Version vom Neustart unseres Ökosystems ist ein reales Experiment: Anfang der Neunzigerjahre wurde im US-Bundesstaat Arizona die Biosphere 2 gebaut – mit dem Ziel, ein autonomes, abgeschlossenes ökologisches System zu etablieren, das sich und seine Bewohner langfristig selbst versorgt und am Leben hält.

Die reale Biosphere 2 ist gescheitert

T. C. Boyle

Nach zwei erfolglosen Versuchen gilt die Biosphere 2 heute als gescheitert. Boyle nennt das riesige Terrarium zwar Ecosphere 2, kurz: E2. Davon abgesehen hält er sich an die Rahmendaten des zweiten Versuchs, der 1994 gestartet wurde. Auf 1,3 Hektar wurde (finanziert von einem Milliardär) eine Miniatur-Erde mit 3800 Tier- und Pflanzenarten geschaffen, die im Moment des Untergangs der echten Welt zur Arche Noah werden sollte. Der 68-jährige Autor schickt nun acht Terranauten unter die Glaskuppel, die sich dort für zwei Jahre einschließen lassen. „Nichts rein, nichts raus“ lautet die Devise – sobald die Tür von E2 geöffnet würde, wäre die Mission tot.

Erzählt wird die Geschichte von drei Protagonisten des Experiments, die abwechselnd zu Wort kommen: Dawn und Ramsay gehören zu den Auserwählten, die eingeschlossen werden. Linda scheitert im Auswahlverfahren und muss außerhalb der Kuppel ihren Dienst verrichten. „Von Anfang an war es bei diesem Projekt ebenso um Theater wie um Wissenschaft gegangen“, heißt es zu Beginn des Romans, und Boyle erfindet zur Illustration dieser beiden Aspekte immer wieder unterhaltsame Szenen. Denn letztlich ist E2 nichts anderes als ein „Dschungelcamp“ der Wissenschaft, „Big Brother“ mit Erlösungsanspruch. In Boyles Werken werden die Figuren oft in Grenzbereiche des Daseins geworfen. Das Leben unter Extrembedingungen interessiert ihn literarisch ebenso wie der Umgang des Menschen mit der Natur.

Boyle ist neugierig auf das Leben in Extremsituationen

Wie furios, dicht verwoben, spannend, komisch und mitreißend er davon erzählen kann, hat Boyle zuletzt etwa in „Wenn das Schlachten vorbei ist“ (2011) und „San Miguel“ (2012) bewiesen. Im erstgenannten Roman geht es um den Kampf von Umweltschützern, die sich mühen, das von Menschen gestörte Gleichgewicht der Natur auszubalancieren. In „San Miguel“ setzt der Autor eine Familie Ende des 19. Jahrhunderts auf ein karges Eiland – und schaut zu, was über Generationen dort geschieht.

An diese Bücher reicht „Die Terranauten“ nicht heran, und das längst zum Klassiker avancierte Boyle-Debüt „Wassermusik“ aus dem Jahr 1982 gerät nicht einmal in Sichtweite. Dieses Mal kann der Autor kein echtes Interesse an seinen Figuren wecken. Dawn, Ramsay und die zurückgesetzte Linda bleiben trotz Wechsel der Erzählperspektive überraschend farblos. Das übrige Personal schrammt manchmal sogar am Klischee vorbei. Das überrascht. Ebenso wie die Tatsache, dass Boyles herrliche Fabulierlust, sein ansonsten so sattes Schildern des Lebens in all seiner Pracht und all seinen Abgründen, gedämpft scheint.

E2 ist ein großes soziologisches Experiment

Dabei ist schnell klar, dass E2 weniger ein naturwissenschaftliches als vielmehr ein soziologisches Experiment ist: Wie gehen die acht Eingeschlossenen miteinander um? Konfliktpotenzial gibt es reichlich: monotoner Alltag trotz harter Arbeit; kaum Privatsphäre; nicht genug Nahrung; weniger Sauerstoff im Winter aufgrund mangelnder Fotosynthese. Als wäre all das nicht genug, wird Dawn auch noch schwanger.

So gut lesbar Boyles Stil ist, fällt dennoch auf, dass seine Assoziationen gerne die nächstgelegene Ausfahrt nehmen. Natürlich erinnert manches an E2 an biblische Motive, unter der Kuppel gedeiht ein neuer Garten Eden. Die Terranauten geben den Köpfen hinter dem Langzeitexperiment daher die Spitznamen „Gottvater“, „Judas“ und „Jesulein“. Die Hauptfiguren Ramsay und Dawn erinnern an Adam und Eva; Linda fällt in dieser Erzählkonstruktion die Rolle der Schlange zu, die aus Eigeninteresse Dawn zu verführen sucht.

Dass sie sich dann ausgerechnet mit „Bem Ju“ Mut ansäuft, jenem koreanischen Alkohol, der den Beinamen „Schlangenwein“ trägt, ist für einen Boyle-Roman von überraschender Schlichtheit. Zumal sich wenig aus all den religiösen Verweisen entwickelt – egal wie häufig sie variiert werden. Das wirkliche Leben, das einzige, das zählt, spielt sich eben doch jenseits von Eden ab.

Informationen zum Buch:

T. C. Boyle:

„Die Terranauten“. Aus dem amerikanischen Englisch von Dirk van Gunsteren. Hanser Verlag, München, 608 Seiten; 26 Euro.

 

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