Tabula rasa an der Staatsoper

München - Eine kleine Denksportaufgabe für Münchens Operngänger: Wann eigentlich gab es zuletzt eine Produktion, die vollends befriedigte und folglich dem Ruf des Hauses angemessen wäre? Abgesehen von Claus Guths diskussionswürdiger, jedoch umstrittener "Luisa Miller" ­ in dieser und in der letzten Spielzeit keinesfalls. Gelegentliche Lichtblicke mögen darüber hinwegtäuschen. Doch mittlerweile ist die Diagnose eindeutig: Die Bayerische Staatsoper steckt in einer tiefen künstlerischen Krise.

Gelegentliche Engagements etwa von Christof Loy kaschieren, dass sich das Haus von aktuellen Regie-Entwicklungen weitgehend abgekoppelt hat. Abgezeichnet hat sich dies schon in der Endphase der Ära von Peter Jonas, wurde doch hier auf eine einstmals erfolgreiche, dann aber sich wiederholende und totlaufende Ästhetik vertraut. Seit der Saison 2006/ 07 befindet sich das Haus zudem in einer Übergangsphase: Nachdem der ursprünglich vorgesehene Intendant Christoph Albrecht geschasst wurde, müssen zwei provisorische und bislang herb enttäuschende Zwischen-Spielzeiten die Jahre bis zum Amtsantritt Klaus Bachlers überbrücken.

Auf den derzeitigen Chef des Wiener Burgtheaters, der im September München übernimmt, richten sich daher alle Augen: Klaus Bachler demnach als Hoffnungsträger der Staatsoper? Zwar wird er erst Anfang Mai seine erste Saison präsentieren. Doch schon jetzt ist klar, dass das Haus vor einem großen Umbruch steht. In ästhetischer, aber auch in personeller Hinsicht ­ der neue Chef macht Tabula rasa.

Er habe, so äußerte sich Bachler jüngst im Interview, "eine fantastische junge Leitungsmannschaft, die wie am Start der Olympischen Spiele steht und wartet, dass es losgeht". Bachler wird dabei eine neue Führungsstruktur etablieren. Er trennt sich nicht nur von der jetzigen Dramaturgie, sondern offenbar auch von einem großen Teil der Abendspielleiter. Darüber hinaus wird eine Position eingeführt, die es in dieser Form bisher nicht gab: einen Talentsucher für Sänger, einen "Headhunter", der weltweit nach aufstrebenden Solisten sucht. Pamela Rosenberg, die Intendantin der Berliner Philharmoniker, hatte früher eine solche Aufgabe an der Staatsoper Stuttgart für Klaus Zehelein übernommen. Für den Münchner Posten wird nun Pal Christian Moe von der Lyric Opera Chicago genannt.

Sollte dies in München funktionieren, wäre es ein Segen für die Staatsoper, gingen ihr doch in der Vergangenheit immer wieder Sänger durch die Lappen (oder wurden gar nicht registriert), die dann andernorts Karriere machten. Offensichtlich will Bachler den mächtigen Agenturen etwas entgegensetzen, die gern Solistenpakete verkaufen, Auslauf- und B-Besetzungen inbegriffen.

Darüber hinaus möchte der neue Intendant "so viele Premieren machen, wie das Haus verkraften kann". Bislang waren fünf Opernprojekte pro Saison der Durchschnitt, Bachler plant für seine erste Spielzeit sieben Opern plus zwei Ballettabende. Dass er das Repertoire "mediterraner", also italienischer gestaltet, schlägt sich gleich 2008/ 09 nieder. Eröffnet wird im Oktober mit Verdis "Macbeth" in einer Inszenierung von Martin Ku(s)ej, ab 2011 Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels. Nadja Michael singt die Lady, Nicola Luisotti, designierter Musikdirektor der San Francisco Opera, dirigiert.

Als gesichert gelten im Anschluss folgende Opern: Bergs "Wozzeck", inszeniert von Andreas Kriegenburg mit Michael Volle in der Titelrolle; Pfitzners "Palästrina", dirigiert von Simone Young (zunächst wurde mit Christian Thielemann verhandelt); Donizettis "Lucrezia Borgia" mit Edita Gruberova und Regisseur Christof Loy (beide bescherten hier mit "Roberto Devereux" einen Sensationserfolg); Janá(c)eks "Jenufa", inszeniert von Barbara Frey; Verdis "Aida", wohl mit Daniele Gattí am Pult; Wagners "Lohengrin" als Festspielpremiere, geleitet von Kent Nagano und mit Jonas Kaufmann als Schwanenritter.

Für die Folge-Spielzeiten sind "Hoffmanns Erzählungen" von Offenbach mit Diana Damrau in allen großen Frauenpartien im Gespräch, ein neuer "Rosenkavalier" mit Luc Bondy als Regisseur und Anne Schwanewilms als Marschallin, ein "Don Giovanni" mit Erwin Schrott (dem Lebensgefährten von Anna Netrebko) und Wagners "Ring des Nibelungen", inszeniert von Martin Ku(s)ej.

Viel Standard-Repertoire also, das in den letzten Jahren vernachlässigt oder in dürftigen Produktionen päsentiert wurde. Und Namen wie Ku(s)ej, Kriegenburg und Frey signalisieren: Als Noch-Chef der "Burg" setzt Klaus Bachler auf Schauspiel-Regisseure ­ und auf keine einheitliche, womöglich einengende ästhetische Linie wie zu Peter Jonas' Zeiten, als sich das meiste im David-Alden-Stil abspielte.

Kurz nach Bachlers Amtsantritt stellt sich dann schon die nächste Personalfrage: Verlängert Generalmusikdirektor Kent Nagano seinen Vertrag, der 2011 ausläuft? Noch hat der Amerikaner in München nicht alle Erwartungen erfüllt. Und noch ist nicht klar, ob Nagano, der eher brave bis rückwärtsgewandte Inszenierungen bevorzugt, mit Bachlers Regie-Vorlieben zurechtkommt. Von dieser Vertragsverlängerung hängt auch ab, wer den nächsten "Ring" dirigiert ­ der nicht nur in München ein Chef-Stück ist.

Bachler jedenfalls, dem nachgesagt wird, er liebäugele weiterhin mit den Salzburger Festspielen oder der Wiener Staatsoper, hat seine Pläne kürzlich so umrissen: "Ich gehe jetzt langfristig nach München. Danach habe ich mit meinem Leben anderes vor."

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