Täglich eine Ration Rossini

- Regelmäßige Münchner Opernbesucher kennen sie längst, obwohl sie noch nie in einer Premiere auf der Bühne des Nationaltheaters stand: Jane Henschel. Heute präsentiert sie sich erstmals ohne Kostüm und Maske: Sie singt die "Sea Pictures" von Edward Elgar im von Ivor Bolton dirigierten Akademiekonzert (auch morgen, jeweils 20 Uhr). Auf dem Programm stehen überdies Werke von Vaughan Williams, Sibelius und Wagner.

<P>Die Amerikanerin mit dem ständigen Wohnsitz in Düsseldorf gehört seit Jahren zum festen "Bestand" der Bayerischen Staatsoper, denn sowohl Hänsel und Gretel wie auch Elektra und Salome brauchen eine Mutter. Sie sang an vielen großen Opernhäusern der Welt nicht nur Klytämnestra und Herodias, sondern auch die Amme in "Frau ohne Schatten" ("Auf die Münchner Wiederaufnahme 2004 freue ich mich sehr!"). Und natürlich immer wieder Wagner.</P><P>"Ich war abwechselnd Fricka, Erda und Waltraute, die liegt wunderbar tief", lacht Jane Henschel, die ihre Stimme täglich mit einer Ration Rossini in Schwung hält und eigentlich gern noch mehr Verdi singen würde. Natürlich war sie oft als Amneris und Azucena zu hören, schlüpfte in München auch in die Rolle der Mrs. Quickly und wird in der nächsten Saison hier als Ulrica im "Maskenball" die Karten aufdecken. "Die Eboli liegt höher, die können auch andere singen", gibt sie unumwunden zu und meint: "Ich bin ein sehr realistischer Mensch, und man muss in diesem Beruf seinen Platz finden."</P><P>Jane Henschel hat ihn längst gefunden. Und das, obwohl man der jungen Schulmusik-Studentin in Los Angeles zunächst stimmlich nichts zutraute. "Ich habe anfangs geschwankt zwischen Musik und Medizin, aber mein Vater riet dringend zur Musik - er war Arzt. Ich absolvierte also mein Schulmusik-Studium. Erst als Nina Hinson meine Gesangslehrerin wurde, ging es buchstäblich aufwärts. Vorher sang ich oft zu tief."</P><P>Zwei Wettbewerbe brachten die junge Altistin nach Europa - ins erste Engagement nach Aachen, dann nach Dortmund und für kurze Zeit an die Rheinoper nach Düsseldorf. "An den Repertoire-Häusern habe ich unglaublich viel gelernt. Auf dieser Erfahrung fußt meine Selbstsicherheit, die es mir erlaubt, auch darstellerisch aus mir herauszugehen. Denn ich bin ein Bühnentier", gesteht Jane Henschel strahlend. Sie hat mit vielen interessanten Regisseuren zusammengearbeitet, ließ sich jüngst auch auf Robert Wilson ein, in dessen Pariser Inszenierung von "Frau ohne Schatten" sie die Amme sang. "Ich hatte ein bisschen mehr Freiheit als meine Kollegen", erzählt sie, führt schnell eine Wilson-Pose vor und schmunzelt: "Am Schluss war meine Rückenmuskulatur gut in Form.</P><P>Unkompliziert und locker lässt sie sich zuerst einmal auf alle Ideen der Regisseure ein. "Dann kann man immer noch entscheiden. Es sollte schon Hand und Fuß und mit dem Stück zu tun haben. Leute, die nur meckern, sollen lieber abreisen." Das tat Jane Henschel selbst nicht, als Harry Kupfer sie in seiner "Frau ohne Schatten" in Amsterdam über 30 Treppenstufen jagte und zum Schluss auch noch herunterfallen ließ. Ihrem Gastierleben gewinnt die sympathische Sängerin viel Positives ab: "Ich bin frei und habe das Riesenglück, mir aussuchen zu können, welche Partien ich singe, mit welchen Dirigenten, Regisseuren, Kollegen und Orchestern ich arbeiten möchte. Wenn ich mein Leben der Kunst widme, dann möchte ich doch was davon haben." Recht hat sie.</P><P><BR> </P>

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