Tänzchen in der Organbank

- Jetzt aber dalli. Gegongt hat es schon, da eilen am Ende der Pause zwei Burschen in Lederhosen nebst Maderl im Dirndl über den Kölner Offenbachplatz. Sollten gar die Jungen Riederinger zur Ankunft Don Fernandos aufspuin? Ganz so krachert ist es im "Fidelio"-Finale nicht gekommen, diese letzten 20 Minuten gehören dennoch zum Frechsten des Abends. Da darf nämlich Pizarro der vollbusigen Ministersgattin Avancen machen, da muss Florestan sein "Wer ein solches Weib errungen" ins eilfertig gereichte Mikro singen, obwohl er doch mit Leonore dem blöden Treiben entfliehen will: Gehst her da, erst wird gejubelt!

<P>Christian Stückl, Chef des Münchner Volkstheaters, dazu Oberammergauer Passionsspiel- und Salzburger "Jedermann"-Regisseur (da dämmert's dem Rheinländer), hat sich für seine erste Operninszenierung eine der härtesten Nüsse gegriffen. Denn bei Ludwig van Beethovens "Fidelio" muss gleich an mehreren Fronten gekämpft werden. Gegen ein stilistisch querständiges, kaum zu bändigendes Werk, gegen die drohende Überdosis Freiheit/Gleichheit/ Brüderlichkeit, gegen hanebüchene Sprechtexte und gegen eine erschöpfende, womöglich erschöpfte Regiegeschichte: Rocco als deutscher Mitläufer, Anspielungen auf diverse Diktaturen, der Minister als mediengeiler Politprofi - alles schon mal dagewesen.<BR></P><P>Stückl ehrt, dass er seinen "Fidelio" an der Kölner Oper in kein Konzept zwängen will. Und wenn solches ansatzweise passiert, schwächelt die Aufführung _ zumal Marlene Poley eine Ausstattung von begrenztem Reiz lieferte. Dass etwa Pizarros unterirdisches Reich eine geheime Humanfabrik, ein Umschlagplatz für Organhandel ist, in dem "Spender" gegen ihren Willen auf den OP-Tisch kommen, erzeugt nur bedingten Grusel, interessiert auch später gar nicht mehr. Und dass diesem roten Obermafioso, vor allem seinen Schergen, die wie die geklonten Blues Brothers aussehen, der Revolver recht locker sitzt, erstaunt: Warum wurde dann Florestan nicht gleich abgeknallt?</P><P>Am besten ist Stückl, wenn er ganz aus dem Werk heraus arbeitet, wenn er - wie im Quintett des ersten Akts - der Musik kleine, berührende Gesten ablauscht, mit minimalen Mitteln Personen oder Situationen charakterisiert. Oder wenn er mit Neuem überrascht, den Marsch der Wache nicht zum bemühten Exzerzieren nutzt, sondern für ein - Spot auf Pizarro - Tänzchen des Bösewichts.</P><P>Die Befangenheit des Debüts merkt man der Produktion an. Diese Bescheidenheit ist zwar sympathisch, setzt den "Fidelio" auch nicht unter aktionistischen Hochdruck. Doch brav, solide, wie auf Sicherheit inszeniert wirkt vieles. Und Stückls Hang zu "lebenden Bildern" bietet zwar, wie im Gefangenenchor, schöne Momente, aber auch manchen Durchhänger. Wenigstens ist der Neuling ein Sängerfreund. Stückl lässt sie in Ruhe ihre Arien absolvieren, um sie dafür mit der Erfahrung des Schauspielmannes durch die Dialoge zu lotsen. Denn immerhin: So genau, so intensiv gearbeitet, verlieren die Texte einen Gutteil ihres gestelzten Charmes.</P><P>Pizarro als Wiedergänger Ronald Schills</P><P>Ein beachtliches Ensemble hatte die Kölner Oper für diese Premiere aufgeboten, aus dem Klaus Florian Vogt herausragte: ein Florestan mit hellem, leicht ansprechendem, fast liedhaft geführtem Tenor. Vogt verband technische Souveränität mit klug dosierter Dramatik, erinnerte<BR>im Klang an den jungen Peter Seiffert - was also zu größten Hoffnungen berechtigt. Ruth-Maria Nicolay brachte für die Leonore den adäquaten Stimmumfang, auch eine aparte silbrige Sopranfärbung mit, wirkte jedoch eine Spur zu zurückhaltend, auch vokal zu leichtgewichtig. Harry Peeters, als Pizarro ein Wiedergänger Ronald Schills, war ein glaubhafter Fiesling, ihm fehlte für die Brüllpartie indes das notwendige Bariton-Erz. Claudia Rohrbach gab eine stimmlich scharf umrissene Marzelline, Hauke Möller im Arztkittel eine Ekel-Version von Otto Waalkes. Zu blass, immer etwas im Abseits agierend: Dieter Schweikarts Rocco.</P><P>Stückls erste Oper hin oder her, die Kölner interessierte vor allem der Mann im Graben. Und Markus Stenz, ab nächster Saison dort Generalmusikdirektor, überzeugte mit einer peniblen, eleganten, fast tänzerischen Partiturauslegung. Die basiert auf einer neuen Gesamtausgabe, die manch falsche Note oder Artikulationsvorschrift korrigiert. Für Stenz und das Gürzenich-Orchester ist "Fidelio" in erster Linie Kammermusik, mit einem entspannten, durchlüfteten Klangbild, mit geschmeidigen, auch zum Manierismus neigenden Phrasierungen. Der Finalwucht blieb Stenz nichts schuldig, wiewohl er nie mit Pathos blendete.<BR>Großer Jubel für ihn und die Sänger, bei Stückl überwogen die Buhs. An der Oper, so hatte der Oberammergauer im Vorfeld gesagt, habe er Gefallen gefunden und könnte sich weitere Einsätze vorstellen. Sein Kölner "Fidelio" zeigt: Das muss man nicht als Drohung verstehen.</P>

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