Tänzeln im Hinterhof

- Nach drei Songs lässt Marius Müller-Westernhagen die Luft raus. Die Leute sind sechs Jahre nach seiner "Abschiedstour" in die Münchner Olympiahalle gekommen, um alte Hits zu bejubeln, und am Anfang scheint auch alles nach Plan zu laufen: Nach der ruhigen Begrüßung "Weißt du, dass ich glücklich bin" drückt die 14-köpfige Band mit "Es geht mir gut" und "Willenlos" aufs Gas.

Doch dann zieht sich der 56-Jährige merkwürdig in die Defensive zurück: "Wenn ich in ein Konzert gehe, will ich überrascht werden", sagt er und kündigt an, dass er weniger alte Hits, dafür viele Lieder von seinem neuen, ruhigen Album "Nahaufnahme" spielen werde. Aber er wisse, dass sein Publikum "ein unheimlich intelligentes" sei, also: keine Klagen! Das sei ein Zeichen von "gegenseitigem Respekt".

Die Zuschauer sind leicht irritiert ob dieser wenig selbstbewussten Ansage. Dabei gibt es dafür keinen Grund, schließlich ist Westernhagen für sein Programm keine Rechenschaft schuldig. Seinen Worten zufolge kam auch die Tour nur zustande, weil die Menschen in seinem Umfeld ihn "immer mehr damit genervt" haben. Deshalb wollte er die Konzerte so authentisch wie möglich haben.

Hinter einem blauen Vorhang versteckt sich eine karge Bühne, bestückt mit allerlei Instrumenten und ein paar alten Fernsehgeräten, im Hintergrund soll eine simulierte Backsteinmauer Hinterhof-Flair verströmen. Und Westernhagen scheint Spaß zu haben, tänzelt über die Bühne, zeigt sich stolz auf seine internationale Band. Die ist auch fantastisch: Trompeter Roddy Lorimer bläst wie weiland Chet Baker, Helmut Zerlett bedient die gurgelnde Schweineorgel, und Gitarrist Markus Wienstroer lässt die Slide-Gitarre jaulen.

Wie der Bühnenaufbau, die Filme, die nebenbei auf der Leinwand zu sehen sind (Was hat eine pinkelnde Frau mit dem Song "Liebst du mich" zu tun?) und die Balletttänzerin, die sich im Hintergrund verbiegt, hat das mit einem Clubkonzert natürlich nichts zu tun. Lässig klingt es, wie routiniertes Handwerk, und mehr war auch nicht zu erwarten. Richtig frenetisch bejubelt werden nur die Hits, die auch an diesem Abend nicht fehlen: "Pfefferminz", "Johnny Walker", "Sexy" und "Mit 18". Und Westernhagen gibt klein bei: "Ihr seid wahnsinnig", ruft er lachend in den Beifall. Er ist halt doch ein Pop-Dienstleister.

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