Tänzer, DJ, Choreograph

- "Lebenslinien" heißt Tanzchef Philip Taylors neuer Abend, der - unbestreikt - am Sonntag im Münchner Gärtnerplatztheater Premiere hat. Zu sehen sind "Overgrown Path" (1980) von Jiri Kyliá´n, Taylors "Leaving the tunnel" (1998), sein neues "Air" und von dem Nachwuchschoreographen Mirko Hecktor "I am not".

Für den gebürtigen Münchner hat der Abend-Titel fast ein bisschen schicksalhafte Bedeutung. Seine Lebenslinie führt von Konstanze Vernons hiesiger "Bosl"-Ballettausbildung und den vier Jahren in ihrem Bayerischen Staatsballett über die kanadische Elite-Compagnie Lalala Human Steps, Montreal,(1999-2001) und das renommierte Ballet Monte Carlo (2001-03) jetzt zurück in die Isarmetropole.

Extrem hochgewachsen, kantig-eigenwilliges Gesicht und damals herausstechende blonde Prinz-Eisenherz-Frisur - ein Prinz von der klassischen Sorte, das erkannte man schon während seiner Staatsballett-Zeit, würde Mirko Hecktor nie sein. Und tanzen bis zur Rente - unmöglich! Er sei immer schon nebenher noch anders aktiv gewesen: "Ich bin seit 15 Jahren DJ, habe Clubnächte produziert, die Münchner Opernparty zu Saisonende mitgestaltet . . . Ich interessiere mich sehr für performative Geschichten, die in andere Räume hineingehen, auch zum Beispiel in die Straßen einer Stadt, wo man auch ganz verschiedene Genres zusammenführen kann."

Mit Stefan Holzer und Charlotte Kohnenkamp hat er gerade "Cubox 3 : 3" gemacht, ein multimediales Stück, das im Mai bei den Ruhrfestspielen Premiere hat. Und zusammen mit der Fotografin Sonja Junkers entstand auch "Swanlake", ein international beachteter Tanzfilm.

Mit allen Medien spielen - Hecktor ist da ganz ein Kind der Hightech-Ära. Sein Prunkstück, ein mattsilbrig glänzender Macintosh-Laptop, beim Interview schnell aufgeklappt, und schon bekommt man eine Kostprobe der gemeinsam mit Daniel Ployer erstellten Soundcollage zum neuen Stück. Und, klick-klick, zeigt der Schirm bunte surrealistische Farbschlieren. "Unser bewegtes Bühnenbild", erklärt Hecktor. "Das Bühnengeschehen wird aufgenommen. Pixelstreifen daraus werden dann über die Rückwand gefahren."

Und die Choreographie? "Es geht um Werden und Vergehen, aber nicht narrativ, sondern in der Form selbst. Ich habe zehn Tänzer und gehe vom Gruppentanz über zu Duetten und Soli, um da die Individualität des Tänzers herauszustellen. Ich kann dabei meine klassische Herkunft nicht verleugnen - und ich hätte sogar Lust, einmal ein richtig klassisches Ballett zu entwerfen, wenn es möglich wäre für Konstanze Vernons Bosl-Studenten. Aber in diesem Stück ist das Ballett-Schrittmaterial verwischt. Es gibt nicht mehr die Grazie des Heldenepos', nicht mehr diesen hochgezogenen antiken schönen Körper."

Hecktor leugnet nicht, dass William Forsythe und der hyperdynamisch-akrobatische Stil von Lalala ihn beeinflusst haben. Aber: "Das ist total auf die Gelenke und Sehnen gegangen, immer gegen den Körper. Deshalb bin ich auch nach zwei Jahren weg", sagt er. "Jetzt benutze ich zwar verschraubte Vokabeln, aber nicht mit dieser Anstrengung, sondern mit einer Leichtigkeit, die wie eine Schwingung durch die gesamten Bewegungsabläufe hindurchgehen." Und wo ist jetzt die Heimat? "Zwischen München, Frankfurt und Gießen. Dort mache ich mein Diplom in angewandter Theaterwissenschaft. Das Ballett bleibt ja doch ziemlich in sich geschlossen. Mit einem übergreifenden Wissen kann ich jetzt auch meine eigene Arbeit besser einordnen."

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