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Gene Kelly lebte von 1912 bis 1996.

Tänzer, Choreograph und Sänger: Gene Kelly

München - Möglich, dass es einige grundsätzlich medienkritische Taliban und manche Naturvölker ohne Zugang zu modernen Technologien gibt, die diese Szene nicht kennen, aber sonst buchstäblich jeder:

Von  die Sequenz, in der Gene Kelly durch den Regen tanzt, verspielt durch Pfützen hüpft und passend dazu „I’m singin’ in the rain“ singt. Es ist ein magischer Moment, und Gene Kelly, der heute 100 Jahre alt geworden wäre, wusste das sehr genau.

Er hatte noch einige andere bahnbrechende Szenen geschaffen, die Filmgeschichte schrieben. In „Cover Girl“ von 1944 tanzte er mit sich selber – nie gesehen bis dahin und für nicht möglich gehalten, weil es mit den damals vorhandenen Mitteln immens schwierig war. Ebenso Kellys legendärer Tanz mit den Zeichentrickhelden Tom und Jerry im Jahr darauf in „Urlaub in Hollywood“. Bemerkenswert war nicht nur die beachtliche Leistung Kellys, mit unsichtbaren Partnern zu agieren, die nachträglich eingezeichnet wurden, sondern auch Kellys Ansatz bei allen seinen Filmen: Er gestaltete seine Tanzszenen selbst und sprach auch bei der Technik mit. Im streng hierarchischen Studiosystem ungewöhnlich, aber Kelly hatte immensen Erfolg, also ließ man ihn zähneknirschend gewähren.

Etwas anderes hatte auch keinen Sinn, denn Kelly war zum einen ein keltischer Dickschädel und zum anderen völlig furchtlos. Er wäre auch wieder zurück ans Theater gegangen oder hätte eine Tanzschule betrieben, wenn es in Hollywood nicht nach seinen Vorstellungen gelaufen wäre. Kelly war ein Pragmatiker und stur, beides wohl ein Vermächtnis seiner irischen Vorfahren. In Pittsburgh in eine Mittelschichtfamilie hinein geboren, gab es für verblasenes Künstlergewese keinen Platz. Kelly nahm Tanzunterricht, weil seine musikalische Mutter das wollte. Als Kind gefiel es Kelly nicht. Erst als Teenager engagierte er sich, als er begriff, dass man als guter Tänzer bei den Mädchen ankam. Ein Pragmatiker eben.

Als 1929 die Börse in New York zusammenbrach und die große Depression begann, war für Kelly klar, dass für Träumereien kein Platz war. Kelly begann, Tanz zu unterrichten, es zum Beruf zu machen. Er ging nach New York, und es gelang ihm, am Broadway unterzukommen. Er hatte Erfolg. Mit dem Stück „Pal Joey“ wurde er zum Stadtgespräch. Er war eine neue Art von Tänzer: athletisch, mit viriler Ausstrahlung. Ein ganzer Kerl, der körperbetont tanzte und dem es gelang, gleichermaßen männlich und elegant zu wirken. Er verband klassisches Ballett mit modernem Tanz, wenn man so will erfand Kelly den „amerikanischen Tanzstil“, der Tänzer bis heute prägt. Er war in gewisser Weise das Gegenstück zum feingliedrig-schwebenden Fred Astaire, den Kelly übrigens sehr bewunderte. „Er ist ein Aristokrat, ich bin ein Proletarier“, sagte Kelly und betonte auch später immer wieder, er habe seine Filme für den „einfachen Mann“ gemacht.

Studioboss Louis B. Mayer erkannte Kellys Potenzial und bot ihm einen Vertrag an. Kelly stimmte zu. Aber als man ihn vor Unterzeichnung zu Probeaufnahmen bat, sagte er ab. Kelly hatte seinen Stolz. Der Produzent David O. Selznick holte Kelly doch noch nach Hollywood und brachte ihn bei MGM unter – dem Studio von Mayer. Der Beginn einer Fehde, die Kelly unerschrocken ausfocht. Er hatte die besseren Argumente: Seine Filme waren Kassenschlager. Kelly begriff schnell, welche Möglichkeiten das Kino bot und begann die Kontrolle zu übernehmen, um seine Vision umzusetzen: den Tanz im Film zu revolutionieren. Es ist ihm gelungen.

Den Einfluss Kellys auf den modernen Tanz kann man gar nicht überschätzen, er reicht bis in heutige Musikvideoclips. Kelly erreichte viel, aber er forderte auch einiges. Wer eine Ahnung davon bekommen will, kann sich das spektakuläre Finale von „Ein Amerikaner in Paris“ von 1951 ansehen. 17 Minuten Tanz, fast ohne Schnitte. Technisch eine immense Herausforderung, weil das Licht, die Brennweiten und Fahrten abgestimmt werden müssen – für die Tänzer ohnehin eine Tour de Force. Kelly übte manchmal 18 Stunden am Stück und erwartete von seinen Tanzpartnern einen ähnlichen Einsatz. Donald O’Connor musste seine legendäre artistische Nummer „Make em laugh“ in „Singin’ in the Rain“ beinahe am Stück durchtanzen und singen. Wegen eines technischen Problems gleich zweimal hintereinander. Kettenraucher O’Connor lag danach drei Tage im Bett, war aber Kelly zeitlebens dankbar.

Ein harter Hund, das war Kelly sicherlich, aber einer, der den Respekt der Branche hatte. Niemand sprach je schlecht über ihn, in der Schlangengrube Hollywood. Es lag wohl an seiner totalen Integrität. Kelly war ein unabhängiger Kopf, ein Unterstützer der Demokraten, der sich für die Rechte der Arbeitnehmer in den Studios einsetzte. Schon als junger Mann hatte er in Pittsburgh der örtlichen Synagoge beim jährlichen Gründungsfest geholfen. In „Der Pirat“ tanzte er 1948 mit einer afroamerikanischen Formation und schon 1939 hatte sich der Katholik Kelly von der Kirche losgesagt: Er war entsetzt darüber, dass der Vatikan Diktator Franco in Spanien unterstützte.

Ein freier Geist, der es still akzeptierte, dass Anfang der 60er-Jahre seine große Zeit vorüber war. Er trat gelegentlich auf und hatte immer ein offenes Ohr für Künstler, die seinen Rat suchten. Mit seiner dritten Ehefrau lebte er die letzten Jahre abgeschieden und starb 1996. Sein Werk ist geblieben, ein Monument der goldenen Jahre Hollywoods. Nie wieder wird man jemanden so tanzen sehen wie Gene Kelly.

Zoran Gojic

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