Den Tätern auf der Spur

Dachau - Karen Breece beschäftigt sich in ihrem Dachauer Theaterprojekt mit SS-Offizieren des Konzentrationslagers. Am Freitag ist Premiere.

Früher war es eine Siedlung. Heute sitzt dort die Dachauer Bereitschaftspolizei. Wer hinein will, braucht einen Grund. Den hat Karen Breece. Die Künstlerin macht das Polizeigelände an zehn Tagen wieder zugänglich. Für einen Theaterabend.

Das Areal mit der Adresse John-F.-Kennedy-Platz 1 hat eine dunkle Geschichte. Angrenzend an das einstige Konzentrationslager Dachau, befand sich dort zwischen 1937 und 1945 die SS-Garnison. In den Villen und Wohnungen lebten Offiziere mit ihren Frauen und Kindern ganz normal, während sie in ihrem Alltag auf der anderen Seite des Zauns Menschen folterten und ermordeten. Karen Breece, Regisseurin und zugezogene Dachauerin, hat 2012 mit „Die Blutnacht auf dem Schreckenstein“ schon einmal ein Stück zur KZ-Geschichte inszeniert. Dass es ein Folgeprojekt geben würde, war ihr bereits damals klar. Heute hat es Premiere.

„Damals ging es um die Häftlinge. Für mich war es aber wichtig, auch die andere Seite zu durchleuchten“, sagt sie. „Es ist richtig, der Opfer zu gedenken. Aber es ist genauso wichtig, sich mit den Tätern zu beschäftigen, weil das unsere Vorfahren sind. Die Identifikation mit den Opfern schafft eine Distanz zu den Tätern und macht eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte fast unmöglich.“ In ihrem neuen Drama „Dachau//Prozesse“, das Breece mit ihrem Kreativteam und der Hilfe zweier Historiker realisierte, wird es um die SS-Leute gehen. Von deren bürgerlichen Freuden auf der anderen Seite des Lagerzauns erzählt sie anhand von Protokollen aus den Dachauer Prozessen.

Diese fanden von 1945 bis 1948 unter Leitung der US-Army in der alten Schneiderei der SS-Garnison statt. Im Hauptprozess wurden 36 NS-Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Unter den Männern befand sich auch SS-Obersturmbannführer Martin Weiß. Er war von 1942 bis 1943 Kommandant des KZ.

Ihm wird im Hauptteil von Karen Breeces Stück erneut der Prozess gemacht. Dabei verbindet die Theatermacherin historische Dokumente mit künstlerisch-abstrakten Formen. Ein Chor taucht auf, das Bühnenbild lässt Geschichte real werden. Und das am echten Ort des Geschehens, dort, wo die NS-Mörder einst friedlich lebten. Wichtig war es der gebürtigen Amerikanerin, die heutigen Dachauer in das Projekt einzubeziehen. So diskutierte Breece das Thema mit Schülern und interviewte Zeitzeugen, die ihre Kindheit in der Garnison verbracht haben oder deren Großväter bei der SS waren. Leicht war es nicht, die Menschen auf die Historie anzusprechen. „Sie waren aber alle bereit mitzumachen“, erinnert sich die Regisseurin. Einen Herrn kontaktierte sie, weil er denselben Nachnamen trägt wie ein SS-Mann, der in den Prozessakten genannt wird. „Es stellte sich heraus, dass seine Familie tatsächlich mit der KZ-Geschichte in Verbindung stand. Er selbst aber wusste bis dato gar nicht, dass der Großvater so grausam gewesen war. Das hat ihn aus den Angeln gehoben.“

Auch im Drama selbst wirken neben vier Profischauspielern viele Dachauer mit, darunter drei Schülerinnen des Josef-Effner-Gymnasiums. Selbst das Publikum ist in die Inszenierung eingebunden. Den ganzen Abend werden die Zuschauer in der ehemaligen SS-Garnison verbringen. Ziel ist es, den vergessenen Ort wieder sichtbar zu machen und die Gäste permanent mit neuen, unerwarteten Situationen zu konfrontieren. „Der Zuschauer soll sich nie sicher fühlen, er soll seine eigene Haltung hinterfragen“, sagt Karen Breece. Schließlich geht es nicht um einen netten Theaterabend, sondern um die Frage, wie Menschen hinter dem Zaun Geburtstag feiern oder heiraten konnten, während sie auf der anderen Seite Häftlinge zu Tode quälten.

Katrin Hildebrand

Premiere

ist heute, 19 Uhr; zusätzliche Termine bis 14. Juni. Weitere Informationen unter Telefon 08131/ 75 287 sowie unter www.dachau.de

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