Wie ein Tagebuch

- Als im Frühling die Mauersegler kreischend um den Treppengiebel des Reitstadls kreisten, stockte im Innern die Arbeit. Jetzt, im Herbst, sind es nur noch die Glocken der benachbarten Kirche, die für eine unfreiwillige Pause sorgen. Doch der Mesner ist kooperativ und liefert bereits im voraus eine Liste der Beerdigungstermine ab, damit die akustischen "Störmanöver" eingeplant werden können.

Denn im 1525 errichteten, im Krieg zerstörten und 1980 wieder aufgebauten Stadl in Neumarkt in der Oberpfalz herrscht der Ausnahmezustand: Beethovens 32 Klaviersonaten werden in dem wegen seiner Akustik beliebten Saal aufgenommen. "Das schwebt jedem Pianisten vor, dem diese Sonaten etwas bedeuten. Einmal im Leben ergreift man diese Chance."

Gerhard Oppitz freut sich, denn in den 25 Jahren seiner Karriere hat er Beethovens Sonaten wieder und wieder in den Konzertsälen der Welt gespielt. Jetzt war es Zeit für einen CD-Zyklus. Und Hänssler classic reichte Oppitz die Hand und schickte ihm mit Klaus Hiemann einen renommierten Tonmeister mit besonderer Liebe zur "Höllenmaschine Klavier".

Die beiden trafen sich in Neumarkt erstmals und schwärmen von ihrer Zusammenarbeit. "Wir lachen und essen zusammen. Wir reden, wenn auch nicht immer über Beethoven", verrät Hiemann, "und sind zu einem wunderbaren Team zusammen gewachsen." Oppitz spricht von einem "Glücksfall der höchsten Kategorie".

"Zeigen, wie ich die Botschaft Beethovens an die Nachwelt verstehe." Gerhard Oppitz

Im Reitstadl passt die Grundausstattung: Der Steinway aus den Achtzigern stammt aus einer Periode, "in der die Firma einen erstaunlich hohen Prozentsatz sehr guter Flügel baute", weiß Oppitz, der in seinem oberbayerischen Zuhause ein Instrument des gleichen Typs hat. Pianist und Tonmeister sind sich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. "Es gibt eine hohe Verletzungsgefahr auf beiden Seiten", sagt Hiemann, der versucht, der "Zwillingsbruder" des Interpreten zu sein. Er will erspüren, was dieser will, und ihm ein Klangbild schaffen, das ihm behagt. "Alles, was zwischen Instrument und Klang steht, verfälscht. Jedes Mikrofon hat ein Eigenleben. Ich versuche, das zu minimieren."

Das Resultat hören sich Gerhard Oppitz und Klaus Hiemann "auf neutralem Boden", in einem stillen Hotelzimmer an. Die erste CD mit den Sonaten Opus 10, 1-3 und Opus 13 ("Pathetique") belegt bereits die vorzügliche Zusammenarbeit. 28 Sonaten sind mittlerweile eingespielt, in einer letzten Aufnahmewoche im Januar folgen die letzten vier. Hiemann: "Dann weinen wir, dass Beethoven nicht mehr geschrieben hat."

Für Oppitz sind die Sonaten wie ein Tagebuch. "Natürlich würde ich wenig davon begreifen, wenn ich sie isoliert sähe. Die Streichquartette sind wichtig und selbstverständlich auch die Symphonien. Sein gesamtes Oeuvre und seine Biografie erhellen die Sonaten." Zudem Beethovens Briefe, die Gerhard Oppitz seinem Tonmeister schenkte.

Dass der 52-jährige Pianist und Professor an der Münchner Musikhochschule gern als Erbe seines Lehrers Wilhelm Kempf genannt wird, ist ihm "keine unangenehme Bürde". Oppitz: "Ich habe so viele Anregungen von Kempf bekommen, er hat mir geholfen, meinen Weg als Beethoven-Interpret zu finden. Dabei habe ich nie versucht, ihn nachzuahmen. Sicher hat er mir ästhetisch-künstlerische Leitlinien mitgegeben. Aber er war nie dogmatisch, riet vielmehr zum Ausprobieren, zum Erwägen verschiedener Möglichkeiten."

Kein Wunder also, dass Oppitz sich auch zu anderen Einflüssen bekennt, Arrau und Serkin anführt, die ihn ebenfalls inspirierten zu seiner ureigenen Sicht auf Beethoven. "Ich will zeigen, was mir persönlich diese Sonaten bedeuten, wie ich die Botschaft verstehe, die Beethoven damit seinen Zeitgenossen und der Nachwelt gab."

Wenn er einsam auf dem Podium des Reitstadls sitzt, vor leeren Reihen, dann imaginiert er sich seine zukünftigen Zuhörer herbei und versucht immer wieder, das ideale Zusammentreffen von Technik und Ausdruck zu finden. Derweil hocken seine Mitstreiter (vor einer erstaunlich überschaubaren technischen Ausstattung) im "Bauch" des Saales, direkt unter der Bühne, und Tonmeister Hiemann hält immer wieder Zwiesprache mit dem Künstler. Er weist, die Noten in der Hand, auf kleine Verzögerungen hin, er fragt, er rät. Dezent, freundschaftlich und keineswegs als Beckmesser. Was mit Beethoven so harmonisch begann, möchten Gerhard Oppitz und Klaus Hiemann nun unbedingt fortsetzen - mit Schubert.

Ludwig van Beethoven: Sonaten für Klavier, Gerhard Oppitz (Hänssler).

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