Taifun für Wagner

- Die kitzligsten Tage sind womöglich die nach der "Meistersinger"-Premiere. Denn nur eine einzige Vorstellung des Wagner-Brockens war in Yokohama angesetzt, dafür hatte die Bayerische Staatsoper in der Kanagawa Kenmin Hall auch ausgiebig geprobt. Doch nach Ende der "Festwiese" hieß es: sofortiger Abbau und Verfrachtung des gesamten Apparats in die etwa 40 Kilometer entfernte NHK-Hall in Tokio.

Ein Problem? Nicht, wenn man sich den Umzug von Helmut Lehberger erklären lässt: "Uns bleibt in der NHK-Hall nach dem Aufbau nur eine Bühnenbesichtigung ohne Durchlauf." Doch die Japaner, so der Staatsopern-Mann, seien mit Gastspielen bestens vertraut. "Das rastet sofort ein." Mit drei Produktionen - zweimal Wagner plus einmal Händel - hält sich das Münchner Ensemble derzeit im Fernen Osten auf. Neben Thomas Langhoffs "Meistersingern" sind das "Tannhäuser" und "Ariodante", beide in der Regie David Aldens. Und wenn Langhoffs Wagner wenigstens einen Vorteil hat, dann den: Mit seinen simplen Kulissen-Elementen sieht er tatsächlich aus wie eine typische Tournee-Produktion. Einpacken, auspacken, das Ganze schnell mit künstelnden Modernismen, Standard-Gesten und ein wenig deutscher Befindlichkeit gefüllt - damit könnte man glatt durch ganz Nippon reisen.

Die Nachfrage wäre vorhanden: Alle drei Aufführungen sind trotz Preisen bis zu 60 000 Yen (ca. 500 Euro) ausverkauft, in Yokohama versucht ein Häuflein Optimisten vor der Halle, über die am Premierentag die Ausläufer des Taifuns Saola fegen, noch sein Schwarzmarktglück.

Drinnen dominiert einer, den die Münchner in dieser Produktion bisher nicht erleben durften: Peter Seiffert, zurzeit in der Form seines Lebens, singt einen überwältigenden Stolzing zwischen Lehá´r-Schmelz und Heldenstrahl.

Sündteure Westkunst

Bühnen- und Lebenspartnerin Petra-Maria Schnitzer reagiert als Eva mit gebotener Süße, Jan-Hendrik Rootering (Sachs), Kevin Conners (David) sowie der in Japan höchst beliebte Matti Salminen (Pogner) garantieren für authentischste Deutschromantik. Den größten Jubel aber erntet Eike Wilm-Schulte, dessen clownesk chargierender Beckmesser fernöstlichen Humor wohl bestens bedient.

Erleichterung, gelöste Stimmung danach angesichts der doppelten Wagner-Packung in 48 Stunden. Denn am Tag vor den "Meistersingern" brachte die Bayerische Staatsoper ihren "Tannhäuser" im Bunka Kaikan in Tokio heraus, ebenfalls dirigiert von GMD Zubin Mehta. Wie in Yokohama eine Kongresshalle mit dem Charme einer monströsen, Beton-verliebten Schulaula. Hinter der Bühne, anders als in München, drangvolle Enge. Da fällt schon mal ein Pappmaché-Stein herunter ("Ist der noch frei?"), da poltern schwere Choristen-Stiefel, "Landgraf" Matti Salminen, im Halbdunkel ein Schrecken erregender Rübezahl, singt zum Aufwärmen den Pilgerchor mit: Ein Wunder, dass das Publikum von alledem nichts mitbekommt.

Doppelter Schädel

Gefeiert wurde nach der Doppel-Premiere standesgemäß: in der Residenz des japanischen Veranstalters Tadatsugu Sasaki. Dem 72-Jährigen "gehört" das Tokio Ballett, das er weltweit herumreisen lässt. Zugleich holt er seit fast 40 Jahren Ensembles nach Japan, mit denen er seinen Landsleuten originale und sündteure Westkunst bietet. Und die Westorientierung Sasakis spiegelt auch sein Palast wider. Stuckwerk und Blattgold allüberall, Biedermeier-Schinken und Statuetten, dazwischen Devotionalien, etwa ein handgeschriebenes "Happy Birthday" in Fis-Dur von Carlos Kleiber: ein prachtvolles Interieur zwischen Kitsch und Bühnenbild.

Doch der Mann, das wird schnell klar, meint es ernst. Hinter dem bescheidenen, vollendet höflichen Herrn verbirgt sich ein knallharter Geschäftsmann. Auch die Bayerische Staatsoper, mit der Sasaki seit 35 Jahren zusammenarbeitet, bekam das schon zu spüren. Staatsintendant Sir Peter Jonas wollte fürs 2005er-Gastspiel unbedingt Händel mitbringen. Doch ein deutsches Opernhaus auf Japan-Tournee, das ist für Sasaki stets gleichbedeutend mit Wagner, allenfalls Beethoven Mozart oder Weber. Nur mit viel Überredungskunst, einer Info-Reise an die Isar inklusive Abendessen in der zweiten "Ariodante"-Pause ließ sich der japanische Impresario schließlich überzeugen.

Jonas' Gastgeschenk kommentiert die Verhandlungen auf hintergründige Weise: Ein doppelter Komponistenschädel, gefertigt in den hauseigenen Werkstätten. Eine Seite zeigt das Antlitz Händels. "Und wenn's Ihnen nicht mehr gefällt", so Jonas, "dann drehen sie den Kopf einfach um". Es erscheint: Wagner.

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