Zum Tanz aufspielen

- Franz Schuberts Familie und vor allem seinem Freundeskreis begegnen wir ausreichend in der vorhandenen Literatur. Außergewöhnlich ist die Sichtweise in diesem Buch: Veronika Beci, Musikwissenschaftlerin aus Düsseldorf und Münster, aber erfüllt von österreichischem Geist, spiegelt Schuberts Leben und Werk ganz aus seinem Umfeld heraus; aus lokal- und welthistorischer Sicht, eingeordnet in Vormärz und Metternich-Zeit, Schubert als der "gesellige Melancholiker" eingefügt in seinen umfangreichen, in sich divergierenden Freundeskreis.

<P>Eine biografische Systematik ist nicht beabsichtigt; die einzelnen Kapitel gehören zu Epochen und Persönlichkeiten. Die düsteren Seiten des Elternhauses erschließen sich in den Lebensläufen des Vaters und der Brüder und deren Verhältnis zu Franz. Dann treten sie alle auf: Antonio Salieri, der lebenslang geschätzte Lehrer; Joseph von Spaun, Schulkollege, Jurist und treuester Freund; Johann Michael Vogl, der Väterliche, an der Schaffung eines neuen Liedtyps maßgeblich beteiligte Interpret; der einflussreiche, zehn Jahre ältere Johann Mayrhofer, Republikaner, homosexuell; Grillparzer: eine schwierige, nicht immer harmonische Beziehung; Franz von Schober, geistreich, gut aussehend und trinkfest, ein Antipode zum moralisch gefestigten Vogl, später Sekretär Liszts in Weimar; Schwind - die Brücke nach München ("Wie der Schubert komponiert, so möchte ich malen können"); Anselm Hüttenbrenner, der Komponist unter seinen Freunden (neben Franz Lachner aus Rain am Lech).<BR><BR>Becis Sicht lässt vieles neu erscheinen. Schuberts Gedichtauswahl stets bewusst, nie "aus dem Bauch heraus". Die Nähe des Schubert-Kreises zu Novalis, Kleist, Heine, dem Berliner Heinrich Ludwig Rellstab, dessen Lieder Beci ironisch verstanden wissen will, einschließlich "Leise flehen . . .". Die Misere mit den Bühnenwerken, trotz interessanter Partner, wie dem revolutionären Lustspieldichter Bauernfeld oder der Berliner Intellektuellen Helmine von Chézy. Willkommene Überraschung sind die gesammelten "Schubertbilder", Spuren seiner Kompositionen bei George Sand, Thomas Mann, in Zitaten von Fontane und Maupassant, von Hesse bis Peter Härtling.<BR><BR>Sicher trägt die Art dieser Biografie zu tief gehend psychologischer Erforschung der Persönlichkeit bei. Der Distanzierte, sich oft Abkapselnde, der schon als Knabe ein Einsiedler war. Der Bescheidene, Verletzliche, trotzdem Selbstbewusste. Der zum Tanz aufspielt, aber nie selbst tanzt. Und seine anderen Seiten: die politischen Auffälligkeiten, die durchzechten Nächte, seine syphilitische Ansteckung wohl in der Vorstadt, nicht bei einer teueren "Grabennymphe", sein Tod durch den damals grassierenden Typhus; was Beci als erwiesen ansieht. Schade, dass die eingestreuten Kommentare ohne Werkregister schwer auffindbar sind. Nur einmal Protest: das große C-Dur-Quintett - "ein heiteres, pathetisches Stück Musik"?</P><P>Veronika Beci: "Franz Schubert". <BR>Artemis & Winkler, Düsseldorf. 350 Seiten; 26 Euro.<BR></P>

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