Tanz der Missverständnisse

- Als "National Living Treasure" wurde Graeme Murphy 1999 in seiner Heimat Australien ausgezeichnet. Seine Sydney Dance Company (SDC) wird jedes Jahr nach vierwöchiger Saison in der berühmten Sydney Opera als kultureller Botschafter um den Globus geschickt. Für Graeme bedeutet Leben: choreographieren bis an die letzten Energiereserven - seit 30 Jahren kreiert er für seine SDC, außerdem für die Berühmten der Tanzwelt, von Mikhail Baryschnikow bis zum Nederlands Dans Theater. 2004 entstand ein abendfüllendes Klavierprojekt, eine Hommage an seine verstorbene Mutter, eine Pianistin, der er den Zugang zum Tanz verdankt.

Im September kam in Schanghai ein Stück zur Premiere, in dem Murphy chinesische Tänzer in seine Company integrierte. Seit 1984 ist er obendrein gefragt als Opernregisseur. Keine schlechte Vorbereitung jetzt für eine extravagante Kreation: Am kommenden Samstag bringt das Bayerische Staatsballett Graeme Murphys "Die silberne Rose" nach Richard Strauss' "Der Rosenkavalier" zur Uraufführung - allerdings zur Musik des Australiers Carl Vine (Münchner Nationaltheater).

Warum keine Musik aus der Strauss-Oper?

Murphy: Wir hätten die Rechte von den Strauss-Erben sicher nicht erhalten oder uns mit einem Arrangement zufrieden geben müssen. Carl Vine - wir kennen uns seit unseren Zwanzigern - und ich haben eine Partitur aus seinem Gesamtuvre zusammengestellt. Carl ist zwar ein zeitgenössischer Komponist, aber er hat doch einen ausgesprochenen Sinn für das Romantische. Seine Musik ist sinnlich, hat orchestrale Fülle.

"Der Rosenkavalier" spielt in Wien Mitte des 18. Jahrhunderts . . .

Murphy: Bei mir um 1900. Roger Kirk, ein sehr bekannter australischer Ausstattungs-Designer, hat entsprechend alles im Art-Nouveau-Stil entworfen. Es gibt also keine Rokoko-Krinolinen. Und der Dekor sieht aus wie aus milchig weißem Glas, sodass das Ballett leicht und luftig wirkt.

Hofmannsthal hat für Strauss eine sehr komplizierte Komödie geschrieben. Wie macht man eine solche Geschichte in einem wortlosen Medium klar?

Murphy: Es ist in der Tat eine sehr operettige, wortreiche Geschichte. Aber Baron Ochs in seiner lüsternen Annäherung an Mariandl lässt sich ja leicht in einer bestimmten Bewegungsart ausdrücken. Und auch Sophie kann ohne Worte sehr gut als unschuldiges junges Mädchen geschildert werden. Für die Marschallin habe ich einen Kunstgriff gefunden. Das Ballett beginnt mit ihrem Albtraum über Uhren. Die Uhr, der Feind der Jugend, der Spiegel des Alterns. Man weiß sofort: Hier ist jemand mit seinem Altern beschäftigt.

Haben Sie das Libretto gekürzt?

Murphy: Es sind alle Hauptfiguren vorhanden, auch Faninal, Sophies Vater. Es gibt sogar Nebenfiguren, die Handlanger des Ochs und diejenigen, die ihn mit bösen Tricks als Schürzenjäger entlarven. Ich bin also ganz dicht an der Opernhandlung, einfach schon dadurch, dass die Oper eine wirklich gute Struktur hat. Richard Strauss wollte ganz eindeutig viele verschiedene Stimmen. Und was mich so fasziniert: Es ist eine "comedy of errors", eine Komödie der Missverständnisse. Humor ist so wichtig in diesem Stück.

Octavian in der Oper, das ist eine Rolle für eine Mezzosopranistin, die einen Mann spielt, der sich vorübergehend als Frau verkleidet . . .

Murphy: Bei uns ist Octavian mit einem Tänzer besetzt. Es bleibt aber eine sehr schwierige Rolle. Sie verlangt einmal eine weibliche Qualität, aber auch großes technisches Können und Kondition, denn Octavian ist fast das ganze Ballett über auf der Bühne. Lukas Slavicky, er tanzt die Premiere, ist dafür ideal.

Sie als zeitgenössischer Choreograph in einem klassischen Ensemble?

Murphy: Ich habe kein Problem damit. Ich komme ja daher, habe im Australian und im Londoner Royal Ballet getanzt. Also versuche ich jetzt, diese klassische Qualität des Staatsballetts nicht zu vergeuden. Ich bringe da nur noch einen Hauch Abenteuer hinein. In meiner "Schwanensee"-Inszenierung 2002 für das Australian Ballet gibt es keinen einzigen Original-Schritt von Petipa-Iwanow, und dennoch ist da das Parfum dieser beiden Uraufführungs-Choreographen, die Lyrik, die Atmosphäre.

Sie haben erst letztes Jahr ihre Tanz- und Lebenspartnerin Janet Vernon geheiratet . . .

Murphy: Nach 35 Jahren hat unsere Beziehung einen guten Test hinter sich. Wir waren schon in der Ballettschule zusammen, wurden zusammen engagiert. Ich ging nach Übersee, sie folgte. 1976 gründeten wir die Sydney Dance Company. Wir haben alles durchgemacht, wissen, wie man streitet . . . Früher dauerten unsere Streitigkeiten zwei Wochen, jetzt nur noch ein paar Minuten.

Das Gespräch führte Malve Gradinger

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