Tanz auf dem Pulverfass

München - Der Kit-Kat-Klub in München? Eigentlich war München nie so richtig die Stadt von "Cabaret". Sally Bowles hatte ihre großen Auftritte anderswo, in Berlin zum Beispiel. Das wird sich jetzt ändern.

Vincent Patersons "Cabaret" aus der Berliner

Bar jeder Vernunft kommt ans Münchner Deutsche Theater

Denn das legendäre Musical von John Kander zieht nun endlich ein ins Deutsche Theater. Vom 4. bis zum 27. April verwandelt sich das Haus an der Schwanthalerstraße in das Tingeltangel-Etablissement aus dem Berlin der 30er-Jahre. Ein kleines Orchester ­ Musiker mit Schauspielverpflichtung, eine Nudelbrettbühne, und rundherum haben an Dinner-Tischen die Gäste Platz genommen. Im Mittelpunkt die junge Sophie Berner als Nachtklubsängerin Sally ­ eine schöne junge Künstlerin, aufgewachsen in München-Forstenried, die ihren beruflichen Schliff in der Bayerischen Theaterakademie genossen hat.

Nur zur Rekapitulation: Vor Jahren hatte das Münchner Gärtnerplatztheater "Cabaret" im Repertoire. Und auch die Komödie im Bayerischen Hof spielte einst das Musical. Doch in jedem Fall fiel es schwer, sich vom überlebensgroßen Schatten der "Cabaret"-Verfilmung mit Liza Minelli zu lösen.

Natürlich, auch bei der Produktion, die jetzt ins Deutsche Theater einzieht, wird man den Film, sofern man ihn jemals gesehen hat, nicht ganz ausblenden können. Aber das ist kein Problem. Denn diese Aufführung nimmt einen dennoch restlos gefangen; der Zuschauer steckt so mittendrin im Geschehen der geheimnisumwitterten Amüsierbude, dass sich jeder Vergleich mit dem Bob-Fosse-Film (1972) von selbst verbietet.

Die Zuschauer empfinden sich weniger als Besucher einer Theateraufführung denn als Gast dieses Kit-Kat-Klubs mit seiner direkten, drallen Erotik. Sie sind somit Teil, ja, Mitspieler des Geschehens.

Also: Berlin Anfang der 30er-Jahre, am Vorabend der Machtergreifung der Nazis. Ein junger amerikanischer Autor reist von Paris nach Berlin ­ in der Hoffnung, hier seinen Roman schreiben zu können. Im Zug lernt er den strammen Ernst Ludwig kennen, der ihn an die Zimmervermieterin Fräulein Schneider vermittelt. Zudem empfiehlt er ihm einen Besuch im Kit-Kat-Klub ­ nicht nur wegen seines genialen Conférenciers, sondern vor allem wegen der sensationellen Sally Bowles.

Und es kommt wie es kommen muss: eine Amour-fou mit höchsten Komplikationen und den Launen einer durchgeknallten Revuesängerin und der traurigen Tatsache, dass von einem Tag auf den anderen bestimmte Menschen, nämlich Juden, in der Gesellschaft nicht mehr erwünscht waren. So zerschlagen sich die frisch geschmiedeten Glückspläne des ältlichen Fräulein Schneider und ihres Untermieters und Gemüsehändlers Herr Schultz.

Was das Münchner Deutsche Theater seinem Publikum bietet, ist die hinreißende Inszenierung des Amerikaners Vincent Paterson, die über drei Jahre in wechselnder prominenter Besetzung in der Bar jeder Vernunft der Dauer-Hit von Berlin war.

Was macht den besonderen Reiz dieser Aufführung aus? Dass sie eben gerade nicht auf die große, alles zuknallende Musical-Pauke haut, sondern ein Stück sattes, ungeschöntes Leben auf die Bühne stellt. Regisseur und Chroreograph Paterson ist kein Unbekannter, schließlich hat er jüngst auch Massenets Oper "Manon" mit Anna Netrebko und Rolando Villazon auf die Bühne gebracht, erst in Los Angeles, dann an der Berliner Staatsoper.

Für "Cabaret" bewies er das richtige Gefühl. Denn dass der Kit-Kat-Klub kein Super-Etablissement darstellt, ist klar. Also inszenierte er ganz groß die kleine, schmuddelige Hinterhof-Show. Tänzerinnen, die in dieser Kaschemme alles andere als die Traummaße von Revue-Girls aufzuweisen haben; die sich nicht den cleanen Dress der Elite-Mädchen leisten können, keine hautfarbenen Beintrikots, keine Enthaarungscremes für die Achseln, sondern die sich ausstaffieren mit billigen, selbst zusammengestellten Fummeln ­ und doch oder gerade darum unglaublich sexy sind.

Herrlich anrüchig das alles, wundersam komisch und irgendwie von existenzieller Traurigkeit. Für die richtige Ausgewogenheit sorgt in diesem Klub der androgyne Conférencier. Er animiert die Gäste, motiviert Tänzer und Sänger, hält die Balance zwischen Cabaret und Politik. Aber das Ganze ist doch wie ein Tanz auf dem Vulkan ­ dem Vulkan der Liebe zwischen Sally Bowles und ihrem Schriftsteller Cliff, zwischen Fräulein Schneider und dem jüdischen Gemüsehändler Herr Schultz. Und letztlich tanzen sie alle auf dem Pulverfass, das die Nazis der Welt bereiten.

Ein berührendes, gefühlvolles, mitreißendes Spektakel.

Vom 4.-27. April.

Karten unter Telefon 089/ 55 23 44 44 oder www.deutsches-theater.de

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Michael Wollny: Pianist mit Hang zum Horror
Deutschlands Jazz-Hoffnung Michael Wollny improvisiert in München die Filmmusik zum Kinoklassiker „Nosferatu“. Die Faszination für das Unheimliche zieht sich durch …
Michael Wollny: Pianist mit Hang zum Horror
Ausstellung: Der Eisenbeißer im Lebendkicker
Das Jüdische Museum München setzt sich in „Never Walk Alone“ mit jüdischen Identitäten im Sport auseinander. Der Besucher findet sich dabei mitten in einem Lebendkicker …
Ausstellung: Der Eisenbeißer im Lebendkicker
„Idealzustand“: Pete Doherty in der Muffathalle
Ganz nüchtern wirkte er nicht, der Anarcho unter den Rockstars. Pete Doherty lieferte in der Münchner Muffathalle eine Show an der Grenze zum Exzess. 
„Idealzustand“: Pete Doherty in der Muffathalle
Bad Tölz feiert jetzt ein Jahr lang Thomas Mann
In Bad Tölz steht das „einzige echte Haus“ von Thomas Mann. Der Nobelpreisträger, der sehr gerne in der Kurstadt gelebt hat, wird jetzt ein Jahr lang gefeiert. Es gibt …
Bad Tölz feiert jetzt ein Jahr lang Thomas Mann

Kommentare