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Von Kubas Schotterstraßen auf Europas Bühnen: Odey ist mit 30 Jahren das älteste Ensemble-Mitglied der Tanz-Show „Ballet Revolución“.

Tanzen gegen Kubas Stillstand

Kuba ist das Land der Revolution, aber auch des Stillstands. Wer hier etwas werden will, muss Glück haben – oder richtig viel Talent. Die Tanzshow „Ballet Revolución“ bringt 18 Talente nach Europa. Wir haben sie vor ihrer Tour im schönen, schrecklichen Havanna besucht.

Die Fahrt dauert 25 Minuten, länger vielleicht, egal. Einfach raus aus der Stadt. Vorbei an der russischen Botschaft, diesem monströsen Überwachungsturm direkt am Strand. Vorbei an herrschaftlichen Villen, deren Balkons in Betonfetzen von den Fassaden hängen. Hin und wieder stürzt mal einer ab. Die Leute wissen das, aber was sollen sie machen? Dann, links irgendwann, diese Lagerhalle, auf der in blassen Buchstaben zu lesen ist, der Sozialismus sei „intocable“ – unantastbar.

Und schon ist man raus aus Havanna. Kein Benzin mehr in der Nase, dafür versengtes Gras, Schotterstaub. Ein Verschlag reiht sich an den nächsten. Hier ist der Vorhof des pittoresken Sozialismus. Hier wohnt Odey.

Niemand darf Reichtum erwarten hier draußen. Wäre ja auch absurd in einem Land, in dem der Antikapitalismus Staatsdoktrin ist. Dafür gibt es altes Zeug, jede Menge davon. Der Wohnraum des mintgrünen Bungalows, in dem die 30-jährige Odey mit Mutter und Schwester lebt, ist vollgestopft mit quietschenden Polstermöbeln. Links zwei Sofas, rechts vier Sessel. Eine Schrankwand. Alles aus den Fünfzigerjahren, das Äquivalent zu den röchelnden Cadillacs in der Stadt. Man kann das romantisch nennen – wenn man gerade frisch geduscht aus einem Sternehotel kommt.

Odey sitzt auf einem der Sofas und nippt an ihrem Instant-Espresso. Mit bronzenem Teint und dunklen Locken ist sie so etwas wie der Prototyp einer Kubanerin, nur die Latina-Attitüde fehlt. Eigentlich, sagt sie, hatte sie das Tanzen schon aufgegeben. Erst gab’s Probleme mit dem linken Bein. Sie konnte es kaum ausstrecken. Also wechselte sie die Disziplinen, von Ballett zu Salsa. Eine Zeit lang klappte das – dann eine Zyste im Knie. Das Training lief schlecht. „Mui pessimisto“ sei sie gewesen, über Monate. Depression? Klingt so, obwohl sie es nicht sagt. Aber jetzt ist alles anders. Der Beweis: die Tattoos, zwei Spiralen mit Blumenornamenten, die vorn unter den Trägern ihres weißen Shirts hervorschauen. „Motive aus Borneo“ seien das, frisch gestochen. „Sie beschützen vor bösen Geistern“, sagt Odey, und seien Zeichen dafür, dass man etwas geschafft hat – so wie sie.

Die Probleme mit ihrem Bein sind passé. Jetzt ist sie Teil der Produktion „Ballet Revolución“, die zurzeit durch Europa tourt. Die Gruppe zählt 18 junge Kubaner, die meisten Anfang, Mitte 20. Sie alle kommen aus dem klassischen Ballett, wurden ausgebildet an einem von Fidel Castros Aushängeschildern, der Escuela Nacional de Arte (ENA). Sie sind die Besten. Für den Choreographen der Show, Roclan Gonzales Chavez, macht das die Sache nicht unbedingt einfacher.

Dem Mittdreißiger, der seine klodeckelgroßen Augenringe unter einem roten Basecap versteckt, sind Pirouetten und Zehengetrippel zu wenig. Er will, dass es fetzt. Sein Mantra: Kuba stecke voller Lebensfreude, die Tänzer auch. „We have la bomba“, ruft er und schlägt sich dabei auf die Brust. Puls, Explosivität, genau das soll die Show vermitteln. Dazu mischen sie klassisches Ballett mit afrokubanischen Tanzstilen, Hiphop und Modern Dance. Im Hintergrund spielt eine Live-Band Hits von Shakira, Usher, J-Lo – Massentaugliches eben.

Einen Plot gibt’s nicht, braucht’s nicht, sagt Roclan. Schließlich wolle er nicht, dass die Zuschauer zu viel nachdächten. Die Freude spüren sollen sie. Und auch, wenn ihm selbst, dem Perfektionisten, bei den Proben im Teatro Nacional de Cuba in Havanna der Genuss sichtlich abgeht – die Show zieht rein. Das Ganze ist angelegt als Kampf zwischen den Stilen, Hiphop, Mambo, Pop versus Ballett. Die Auflösung kommt schubweise, etwa dann, wenn zwei der Tänzer einen Pas de deux zu Stings „Roxanne“ hinlegen. Wunderschön, technisch perfekt, aber eine Tanz-Revolution ist das nicht.

Eine ganze Stange von Filmen fährt genau dieses Konzept; zuletzt etwa „Streetdance 3D“. Der Titel „Ballet Revolución“ spielt denn auch eher auf das politische Image Kubas an. Ist ja klar, mit Revolutions-Nostalgie lässt sich eben Geld machen. Die beiden Produzenten, die schon mit anderen Kuba-Shows international erfolgreich waren, wissen das. Für die Tänzer ist das alles theoretisches Geschwätz. Die Show, das ist für die meisten von ihnen vor allem eins: eine Chance, von der Insel runterzukommen. Einmal klappte das schon: im vergangenen Jahr, als das Ballett in Australien Weltpremiere hatte. Der 19-jährige Juan Carlos, einer der jüngsten in der Tanz-Truppe, reiste damals zum ersten Mal. „Vorher wusste ich nichts von der Welt“, sagt er. Zumindest nicht viel mehr als das, was ihm Michael Jackson und ein Paar DVDs der US-Serie „Friends“ beibringen konnten. Sein fließendes Englisch kommt genau da her. Der Haken ist nur: Hier oben, im neunten Stock einer dusteren Vorzeige-Platte mitten in Havanna, nutzt es ihm nichts.

Hier bleiben ihm nur das harte Training – „acht Stunden täglich“ – und die Symbole des Sozialismus: Aus dem einzigen Fenster der Wohnung hat er freie Sicht auf den Platz der Revolution, auf dem tagsüber knatternde Buicks und Chevys auf Touristen warten. Rundherum zahlreiche Regierungsgebäude. Von der Fassade des Innenministeriums schaut das Gesicht Che Guevaras gewohnt heroisch auf einen 139 Meter hohen Obelisken, der an den Nationalhelden José Martí erinnert. Von hier aus schwor Fidel jahrzehntelang die Massen ein. Sein Bruder Raúl spricht nur noch selten.

„Kuba verändert sich.“ Es ist der einzige Satz, den Odey über die politische Lage in ihrem Land verliert. Sonst hält sie sich zurück, wie jeder hier. Aber an diesen Satz will sie glauben – das alte Kuba verlangt einfach zu viele Opfer. Odeys Mutter etwa musste ihre Stelle als Ärztin aufgeben und besser bezahlte Aushilfsjobs übernehmen, um ihren beiden Töchtern die Tanzschule zu ermöglichen. Die ist zwar kostenlos, aber das Leben nicht, auch nicht auf Kuba. Und schon gar nicht bei einem Durchschnittseinkommen von 15 bis 20 Euro im Monat.

Das Problem hat Odey nicht. Bei der Europa-Tour verdient sie ein Vielfaches. Und überhaupt: Die meiste Zeit des Jahres lebt sie auf Gran Canaria; dort ist das Leben freier, unpolitischer. Genau wie die Show, die sich jeden politischen Kommentar spart – fast zumindest. In einer Szene stehen alle 18 Tänzer in Reih und Glied auf der Bühne, marschieren auf der Stelle und heben den rechten Arm zum Arbeitergruß. Plötzlich boxen die 18 Fäuste in den Zuschauerraum. Vielleicht sind es die Fäuste eines jungen Kuba, das zu sich und seiner Geschichte steht – aber den Stillstand satthat.

Marcus Mäckler

„Ballet Revolución“

gastiert vom 3. bis zum 8. Juli im Münchner Circus Krone. Karten unter der Telefonnummer 0180/ 54 81 81 81.

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